Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1933-08-01 · Heft 3 (August 1933) · p. 170

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 3 (August 1933)
Article
Die inneren Voraussetzungen für Hilfe und Aufbau im deutschen Judentum
Date
1933-08-01
Page
170 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895515-2895519-2903086--06446-2903142
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Heinrich Stern Ein „Heraus" aus Deutschland würde für uns gerade von unserem jüdischen Gesichtspunkt aus ein Verzweifeln am Sinn jüdischen Lehens, eine Flucht vor der uns gestellten Aufgabe bedeuten. Um unseres Judentums willen müssen wir für unseren Bestand in Deutschland das Letzte hergehen. Es sind leider nur wenige, die sich zu dieser Auffassung vom Sinn der jüdischen Gemeinschaft durchgerungen haben. Die Yielen, die viel zu Vielen, die abseits stehen, müssen durch Erziehung zum Judentum in die Gemeinschaft hineingezogen werden. Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland erfordert heute in hundertfacher Verstärkung jüdisches Wissen und jüdischen Gemeinschaftswillen: jüdisches Wissen um die Geschichte, die Lehre, die Ziele des Judentums, jüdischen Gemeinschaftswillen durch die Bindung religiöser und sozialer Gemeinschaftsarbeit Wie dies im Einzelnen zu geschehen hat, dies auszuführen, muß einzelnen Untersuchungen vorbehalten bleiben. Unsere Stellung im jüdischen Lebenskreis gebietet uns bereits, daß wir deutschen Juden in Deutschland bleiben, um des Judentums willen, um Gottes willen. f Aber können wir überhaupt anders? Als wir vor fast zwanzig Jahren mit unseren Brüdern in den Kampf zogen, haben wir gesungen: „Deutschland muß leben, auch wenn wir sterben müssen". Auch wir Heutigen würden sterben müssen und wollen, wenn es für Deutschland nötig wäre. Es ist aber nicht nötig; nötig ist vielmehr, für Deutschland zu leben. Das Leben wegwerfen, wie es leider so viele getan haben, ist der schmerzliche Enischluß einzelner Minuten. Für Deutschland weiterzuleben, danach zu streben, unserer Generation zu ihrer wahren Stellung in Deutschland zu verhelfen, kann Martyrium für Generalionen bedeuten, kann unendlich schwerer sein als der Sprung ins letzte Nicht». Ich meine aber, daß wir dieses Deutschland, wenn wir nicht gelogen haben, nicht feige verlassen dürfen, weil fünf schmerzvolle Monate hinter uns und vielleicht schmerzvolle Jahre der Verkennung, des Hasses und der Not vor uns liegen. Viele von uns sagen, wir ständen durch die Gewalt der Tatsachen schon außerhalb Deutschlands. Man macht uns glauben und erhebt es schon zum Erziehungsprogramm, daß wir nur noch durch die Vergangenheit mit Deutschland verbunden bleiben dürfen. Etwas Gefährlicheres und Unrichtigeres kann gar nicht ausgesprochen werden. Wäre das wahr, wäre uns Deutschland nur noch eine Erinnerung, so müßten wir so schnell wie möglich hier die Zelte abbrechen. Denn keine Seele, am allerwenigsten die der gläubigen Jugend, kann von der Erinnerung leben. Es ist aber nicht wahr! Wir stehen 170

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.