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Der Morgen · 1933-04-01 · Heft 1 (April 1933) · p. 78

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 1 (April 1933)
Article
[Rezension]
Date
1933-04-01
Page
78 (sequence 2)
Language
German
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Anseigen em gebildeler Christ im 18. Jahrhundert sein Wissen vom Judentum verschaffte, ergibt sich, daß Voltaire neben christlichen auch jüdische Quellen wie Philo, Josephus, Ibn Esra, Maimonides und andere benutzte. Aber wie es zweifelhaft ist, ob er hebräische Kenntnisse besaß, war auch die Benutzung der Quellen oberflächlich, unwissenschaftlich, unkritisch und abhängig von seiner Tendenz. Während er sich über judengünstige Urteile hinwegsetzte, schenkte er nicht jüdischen oder judenfeindlichen Quellen größeres Vertrauen. Wie seine Auffassung vom Judentum von seiner Auffassung vom Christentum abhängig war, waren auch seine Methode und Quellenbehandlung abhängig von seiner Stellung zu den Christen. Er strich die Juden heraus, wenn er damit die Christen herabsetzen konnte, er hielt die Juden den Christen als Vorbilder vor, wenn es ihm darauf ankam, den Christen Toleranz zu predigen. — Es ist nicht möglich, im engen Rahmen einer Besprechung der reichen Fülle und Anregungen c!-.ses schönen und reifen Buches cerecht zu werden, das bei aller wissenschaftlichen Objektivität und Sachlichkeit von der uns alle berührenden Probem3tik der Gegenwart lebendig erfüllt ist. Selma Stern. Michael Fraenkel: JacobBernays, Ein Lebensbild in Briefen. io32. M. u. H. Markus Verlag, Breslau. 172 S. 4,8oMk. Einen zu unrecht Vergessenen dem Gedächtnis wieder einzufügen, ist Sinn und Ziel dos Buches. Man muß dem Verfasser aufrichtigen Dank zollen, daß er diese Aufgabe «ich gestellt hat, und für die Art, wie er ihr gerecht wurde. Jacob Bernays war einer der führenden Altphilologen des vorigen Jahrhunderts; in seinem persönlichen Schicksal spiegelt sich ein Stück von dem typischen Schicksal so vieler leistungstüchtiger und ringender jüdischer Gelehrten dieser Zeit und von dem Emanzipationskampf de-r deutschen Judenhcit. Die wissenschaftliche Welt nannte den Namen des jungen Privaidozvnten bereits mit Anerkennung und Ehren, maßgebende Persönlichkeiten setzten sich für seine Berufung auf einen Lehrstuhl ein; aber ihr stand sein Judesein und die Treue, mit der er am Judentum hing, im Wege. Erst nach vielen Enttäuschungen wurde Bernays auf einen seinen großen, im In- und Ausland voll gewürdigten Fähigkeiten entsprechenden Platz gestellt; er wurde tum Leiter der Bonner Universitätsbibliothek bestellt und zugleich auch dem Lehrkörper der Universität eingeordnet. Michael Fraenkel ist mit vieler Liebe dem umfangreichen Briefwechsel nachgegangen, den Bernays geführt hat, — es war eine Zeit, in der die Menschen noch gern Briefe, und gar nicht kurze, schrieben, noch den Willen hatten, Gefühle auszudrücken und von sich und ihren .'. .-heilen mitzuteilen. In dem vorliegenden Bande ist eine Auswahl dieses Briefwechsels dargeboten. Eine gründliche und aufschlußreiche Darstellung des Lebensganges hat der Verfasser dem Ganzen vorauf geschickt; die Schilderung der Persönlichkeit in der Eigenart und Selbständigkeit des Urteils, in der edlen Menschlichkeit, der anmutigen Liebenswürdigkeit und der seltenen Fähigkeit zur Freundschaft, die Jacob Bernays auszeichneten, ist ihm gut gelungen. Aus der Fülle der Persönlichkeiten, in deren Gedankenaustausch mit Bernays das Buch einen Einblick gewährt, seien hervorgehoben: Christian Karl Josiss v. Bunsen, der Bibelforscher, der Preußens Gesandter am Päpstlichen Stuhl und dann am Londoner Hof war, Max Müller, der Oxforder Sprachforscher, Theodor?<Icramsen. Eduard Lasker, der Politiker, Curtius, Ritsehl und vor allen Paul Heyse. Er war Bernavs näher getreten, ab er in dessen Privatdozentenzeit bei ihm gehört halte, Bernavs halle früh die seltene Begabung seines Schülers erkannt, und es ist rührend zu beobachten, wie er um Heyses Freundschaft in Zartheit warb; Heyse und Bernays begleiten sich gegenseitig mit wachem und einfühlenden Verständnis in Art und Arbeit des Anderen; und wie sie gegenseitig am persönlichen Leben und an den Ereignissen in der Familie innigsten Anteil nehmen, ist schönes Zeugnis dafür, wie wenig dio Verschiedenheit der Lehenskreise und der Frömmigkeitswelton ein Trennendes begründet. Was den Reiz der Briefe zunächst begründet, ist der ruhige, klare Stil; sie sind geradezu Musterbeispiele für die Kunst einer durchsichtigen Art der Darstellung gedanklicher Probleme. Darüber hinaus dringt sachlich zu dem Leser eine Fülle des Interessanten aus dem geistigen und wissenschaftlichen Leben jener Zeit. Einen besonderen Hinweis aber verdient ein Brief, den Bernays an Bunsen auf eine an ihn gerichtete Frage schreibt (S.5o—60). 7S

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