Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 1 (April 1933)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1933-04-01
- Page
- 77 (sequence 1)
- Language
- German
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Anzeigen Hanna Emmerich: Das Judentum bei Voltaire (Sprache und Kultur der Germanisch-romanischen Völker, C. Romanislische Reihe io,3o). Die Stellung der Aufklärung zur Judenfrage, der Zusammenhang, in dem ihre Ideen der Toleranz und der Ilumaniiäi, der Denk- und Gewissensfreiheit, ihr Kampf gegen Vorurteil und kirchliche Enge mit der Emanzipation der Juden standen, ist schon öfter erforscht worden. Dagegen wurde es noch wenig beachtet, daß dieser judenfreundlichen Bewegung innerhalb des Rationalismus eine ebenso starke zweite Strömung entsprach, die das Judentum mit den gleichen Waffen angriff, mit denen die Vorkämpfer der Judenbefreiung es verteidigten. Während diese Männer um der Gerechtigkeit und der unantastbaren, angeborenen Rechte der Menschen willen das Schicksal der Juden zu erleichtern suchten, bekämpften die andern das Judentum um seiner Religion willen, genau wie sie das Christentum um seines Aberglaubens und seines Fanatismus willen angriffen. In einer ausgezeichneten, auf einer gründlich philologischen Schulung und einer umfassenden Malerialkenntnis der Aui'kläruiigsliteratur wie des jüdischen Schrifttums beruhenden gcistcsgcschirfitlichi-u Studie über „das Judentum Lei Voltaire" analysiert Hanna Emmerich sehr scharfsinnig dio Stellung des bedeutendsten und einflußreichsten Vertretvxs dieser zweiten Richtung zum Judenproblem. Indem sie den Widerspruch aufhellt, der den Verteidiger der Bedrückten und Verfolgten zum heiligen Gegner einer bedrückten und verfolgten Menschenklasse machte, setzt sie zugleich die Motive auseinander, die Voltaire bei der Behandlung der Judenfrage leiteten. Gleichzeitig nimmt sie kritisch Stellung zu Voltaires Forschungsmethode, der Kenntnis, die er sich vom jüdischen Schrifttum verschaffte, der Art, wie er Quellen wiedergab, übersetzte und auslegte. Wenn Voltaire immer wieder versuchte, die Juden des Alten Testaments lächerlich zu machen, sie als Plagiatoren und Nachahmer fremder Kulturen zu entlarven, die Unglaubwürdigkeit. die Unwahrscheinlichkeit und die Widersprüche der biblischen Erzählungen nachzuweisen, den Anspruch der Juden auf Einzigartigkeit und Originalität ihrer Religion zu erschüttern, ihnen jede wissenschaftliche, künstlerische, politische, militärische, menschliche Fähigkeit abzusprechen, ihre Unsiltllchkeit, ihren Fanatismus, ihre Blut- und Habgier, ihre Götzendienerei, ihre Barbarei, ihre Treulosigkeit, Unehrlichkeit, Verschlagenheit und Rachsucht zu enthüllen, selbst ihre Religion als unmoralisch und materialistisch abzulehnen, so leitete ihn die eine Absicht: das Christentum durch die Widerlegung des Judentums zu widerlegen. Wenn er die Prophetie und die Allegorien des Alten Testaments als Fälschungen zu offenbaren suchte, suchte er gleichzeitig den Irrtum der Kirche zu offenbaren, im Judentum die Mutter des Christentums zu sehen. „Das Judentum ist die Grundlage des Christenrums und wer das eine bekämpft, muß sich auch gegen das andere wenden." — „Voltaires Haß gegen die Kirche ist also letzten Endes die Ursache seines Hasses gegen die Juden der Bibel." Wenn man auf Grund dieser Erkenntnis annehmen könnte, daß Voltaire nur die Juden der Bibel mit seinem Haß verfolgte, dagegen bei seinem Abscheu vor jeder Religionsverfolgung, bei seiner stets betonten und geübten Menschenliebe die Juden seiner Zeit milder beurteilte, so sieht man sich darin getäuscht. Er lehnte die Juden der Gegenwart ebenso ab wi« die Juden des Altertums. Sie waren ihm verhaßt, weil sie noch zäh und starr an ihren alten, längst überlebten, abergläubischen Glaubenslehren und Bräuchen festhielten, weil ihr Glauben an ihre Auserwähltheit, ihre nationale und religiöse Absonderung ihm, dem Aufklärer und Kosmopoliten, als reaktionär und widersinnig erschienen und geeignet, den allgemeinen Einigungsprozeß der Völker aufzuhalten oder zu gefährden. Deshalb forderte er die Juden auf, ■ „ihre Tradition aufzugeben und mit den Christen, die ihre Tradition ebenfalls aufgeben wollen, friedlich zu leben. An die bürgerliche Gleichstellung der Juden denkt er ernstlich nicht," Bei der Beurteilung von Voltaires Arbeitsmethode, die gleichzeitig zeigen will, wie sich 77