Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1933)
- Article
- Italienischer und deutscher Fascismus
- Date
- 1933-02-01
- Page
- 466 (sequence 3)
- Language
- German
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Rita Hirschberg-Neumeyer der eine oder der andere der Grundbegriffe starker in den Vordergrund trat, liegt nicht nur in der überragenden Persönlichkeit des Duce. Denn wenn wir die Volkscharaktere betrachten, so zeigt sich uns der deutsche Mensch schwerer und tiefer; er ist langsam in Schwung zu bringen; wenn er aber in Bewegung geraten ist, läßt er die Schranken der Wirklichkeit weit hinter sich und greift durch bis zur letzten Konsequenz, wobei er in seiner Kompromißlosigkeit nie zu einer befriedigenden politischen Lösung kommt. Der Italiener dagegen ist beweglich, leicht entflammbar, seiner innersten Natur nach aber skeptisch, so daß er auch rasch, aber oberflächlich, mit einer gewissen wendigen Weisheit das Neue in die traditionelle festgefügte Form einbaut. So finden wir in Italien stets alle neu aufkommenden Ideen in den Dienst der nationalen Entwicklung gestellt; in Deutschland hängen sich die Theorien fest, schaffen sich starke und schwerfällige Organisationen, die zu unbiegsam sind, um sich nach dem Verfall ihres theoretischen Kerns in die veränderte geistige Situation hinüber zu retten. So ist es mit dem historischen Materialismus des Marxismus gegangen und das gleiche Schicksal kann auch dem Nationalismus Hitlers drohen. Wir kommen der Verschiedenheit zwischen italienischem und deutschem Fascismus vielleicht dadurch am nächsten, daß wir die andersartige Wesensverankerung der beiden Völker erkennen: Wir Deutsche sind ein religiöses Volk, die Italiener ein politisches. Hier sehen wir zum erstenmal den Schlüssel für den großen Unterschied, den das Problem des Judentums in beiden Ländern aufweist. 2. Die historische Situation. Wenn auch die seelische Lage immittelbar nach dem Krieg insofern eine ähnliche war, als gleichzeitig eine große Arbeitsmüdigkeit und die aufreizende Wirkung, die vom russischen Revolutionsmythos ausging, zu verzeichnen war, so war doch der Unterschied zwischen einem besiegten und einem Siegervolk bemerkenswert und wirkte sich in der Einstellung des Volkes zu den Urhebern des Krieges aus. In Deutschland wurde die bei Ausbruch des Krieges einflußreiche Oberschicht infolge seines katastrophalen Ausgangs von neuen Schichten abgelöst, die allerdings nicht den von den Massen erwarteten Sozialismus, sondern eine liberal-demokratische Periode heraufführten, wie sie in anderen Ländern viel früher eingesetzt hatte. In Italien konnten diejenigen Geltung beanspruchen, die zu dem siegreichen Krieg geraten hatten. Dies war nun der gleiche Mussolini, der im Jahre 1914 sich vom Redakteur des sozialistischen „Avanti" zum Inter- 466