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Der Morgen · 1933-02-01 · Heft 6 (Februar 1933) · p. 443

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 6 (Februar 1933)
Article
Staat und Nationalismus
Date
1933-02-01
Page
443 (sequence 6)
Language
German
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Staat und Nationalismus ohne Ende bestehen, nicht nur über die Ergebnisse, sondern sogar über die Methode, und ohne Methode kann es ja keine Wissenschaft geben. Die bürgerlichen Ökonomisten streiten nicht nur mit den Marxisten, sondern unter sich über jeden einzigen Punkt; und das gleiche gilt von den Marxisten unter sich. Auch die Staatstheoretiker sind ebensowenig einig wie die Rassentheoretiker. Da nun die Logik gegenüber der Aufgabe, die heutige „Ordnung" zu legitimieren, offenbar versagt, so tun die rabiatesten ihrer Verfechter den letzten möglichen Schritt. Sie wenden den Satz: „credo quia absurdum", der in seiner Berufung auf eine überirdische Instanz immerhin noch etwas Großartiges an sich hatte, weil er Resignation in Demut bedeutete — sie wenden den gleichen Satz frech auf die irdischen Dinge ohne die Berufung auf eine andere Instanz als ihren eigenen unverschämten Hochmut. Sie leugnen die Logik und die Ethik überhaupt. Sie berufen sich nicht auf Gott, sondern auf die tierische Natur als die letzte Instanz überhaupt: sie berufen sich auf das „Blut". Sie wollen keine Gründe hören, wollen nicht mit Gründen die Wahrheit ergründen und ihre Handlungen begründen: der Gegner, weil angeblich anderen Blutes, hat ja doch eine andere Logik als sie; er kann sie so wenig verstehen wie sie ihn. Er hat, wie schon einer der ersten Vertreter dieser gefährlichen Spielart, Houston Stuart Chamberlain, zu sagen wagte, andere „plis de la pensee". Soviel für die Theorie! Und daraus ergibt sich, daß auch in der Praxis nur das „Blut" entscheiden kann und soll, aber hier in dem furchtbaren Sinne, daß derjenige Unrecht behält, dessen Blut in dem Kampfe verrinnt, der auf Grund dieser unmenschlichen Auffassung auf der Strecke bleibt. Damit hat sich der Kreis geschlossen: die Gewalt, die diesen Staat, diesen Kapitalismus und diesen Nationalismus geschaffen hat, beruft sich als letzte Instanz auf sich selbst. Es gibt kein Recht mehr, es gibt keine Menschlichkeit mehr, es gibt nur noch Gewalt, die die Macht erstrebt, um sich mit unmenschlichen Mitteln durchzusetzen. Das ist die Krisis, in der sich die europäisch-amerikanische Menschheit heute befindet. Viel ärger und gefährlicher als die wirtschaftliche Krise, die aus den gleichen Wurzeln erwachsen ist. Diese kann, und wird vielleicht, noch einmal überwunden werden: aber die geistig-sittliche Verwirrung mag tödlich sein. Die irregeleitete Klassenwirtschaft und Klassenreligion haben es fertig gebracht, dem Schiffe, in dem die verzweifelte Menschheit über einen vom Taifun aufgewühlten Ozean treibt, Steuer und Kompaß zu rauben: den Glauben an die Möglichkeit, die Wahrheit zu erkennen und das Recht zu erobern. Der 443

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