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Der Morgen · 1932-12-01 · Heft 5 (Dezember 1932) · p. 383

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 5 (Dezember 1932)
Article
Die Brennpunkte der jüdischen Seele
Date
1932-12-01
Page
383 (sequence 9)
Language
German
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Die Brennpunkte der jüdischen Seele der «inst Isaak beim Opfer vertrat". Der „Knecht", den Gott „zu einem blanken Pfeil" macht, um ihn dann scheinbar ungenützt in seinem Köcher zu bergen (Jesaja kg, 2), der in die Verborgenheit gebannte Mensch, nicht einer, sondern diese Menschenart wiederkehrend Geschlecht um Geschlecht, der im Schatten der Gotteshand Versteckte, der „auf der Gasse seine Stimme nicht hören läßt" (42,2), er, der im Dunkel um Gottes willen leidet (53), er eben ist es, der aen Weltstämmen zum Licht gegeben ist, daß Gottes „Freiheit werde bis an den Rand des Erdreichs" (49, 6). Als ein Geheimnis der Verborgenheit, auch im Verhältnis der Person zu sich selber, geht das Geheimnis der Tat, des menschlichen Anteils an der Bereitung der Erlösung, durch das Dunkel der Zeiten, bis es einst ins Offenbare emportritt. Auf die Frage, warum der Messias nach der Überlieferung am Jahrestag der Zerstörung Jerusalems geboren werden solle, antwortet ein chassidischer Rabbi: „Die Kraft kann nicht auferstehn, wenn sie nicht in die große Verborgenheit eingeht... In der Schale des Vergessene wächst die Macht des Gedächtnisses. Das ist die Macht der Erlösung. Im Tag der Zerstörung, da liegt die Macht auf dem Grunde und wächst. Darum sitzen wir an diesem Tag am Boden, darum gehen wir an diesem Tag auf die Gräber, darum wird an diesem Tag der Messias geboren." Diese zwei Brennpunkte der jüdischen Seele, die auch noch für den „säkularisierten" Juden, soweit er nicht entseelt ist, fortbestehn, wiewohl ihrer eigentlichen Namen beraubt, die Unmittelbarkeit zum Seienden und das Wirken der versöhnenden Kraft in einer unversöhnten Welt, mit andern Worten: die Inkarnationslosigkeit des dem „Fleisch" sich offenbarenden und ihm in der gegenseitigen Beziehung gegenwärtigen Gottes und die Zäsurlosigkeit der auf Erfüllung ausgerichteten und immerdar Entscheidung erfahrenden Menschengeschichte sind das letztlich Sondernde zwischen Judentum und Christentum. Wir „einen" Gott, indem wir lebens- und sterbensmäßig seine Einheit bekennen; wir einen uns ihm nicht. Der Gott, den wir glauben, dem wir angelobt sind, vereint sich nicht mit menschlicher Substanz auf Erden. Eben das aber, daß wir nicht vermeinen, uns ihm einen zu können, befähigt uns, so inbrünstig danach zu verlangen, „daß die Welt in der Königsherrschaft des Gewaltigen zurechtgebracht werde". Wir spüren das Heil geschehen; und wir verspüren die ungeheilte Welt. Uns ist nicht an einem Punkt der Geschichte ein Heiland erschienen, daß eine neue, erlöste mit ihm begänne. Da nichts Gekommenes uns beruhigt hat, sind wir ganz ausgerichtet auf das Kommen des Kommenden. 383

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