Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Die Brennpunkte der jüdischen Seele
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 376 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Martin Buber die Seele des Judentums ist vorsinaitisch, es ist die Seele, die an den Sinai herantritt und da empfängt, was sie empfängt, sie ist älter als Mose, sie ist urväterhaft, eine Abrahamsseele, besser noch (da es um das Produkt eines urtümlichen Zeitalters geht): eine Jakobsseele. Das Gesetz tut sich ihr an und sie ist hinfort nie mehr jenseits seiner zu verstehen, aber sie selber ist nicht gesetzhaft. Wenn man von ihr reden will, muß man alle ihre Zeiten und Wandlungen bis auf diesen Tag betrachten, aber nie vergessen, daß immer noch sie es ist, sie auf ihrem Weg. Mit dieser Einschränkung jedoch ist die Aufgabe eher schwerer geworden. „Ich müßte Ihnen jetzt", so schrieb Franz Rosenzweig. 1917 an einen christlichen Freund jüdischer Herkunft, „das Judentum von innen zeigen, ähnlich hymnisch wie Sie mir, dem Draußenstehenden, das Christentum zeigen können: und aus demselben Grund, aus dem Sie es können, kann ich es nicht. Das Christentum hat seine Seele in seinen Äußerungen, das Judentum hat außen seine harte schützende Schale und von seiner Seele kann man nur drinnen reden." Wenn ich es hier, also draußen, dennoch zu tun wage, kann ich nicht eine Darstellung dieser Seele im Sinn haben, sondern nur einige Hinweise auf ihr Grundverhalten. Daß dieses Grundverhalten nichts anderes ist als das Glaubensverhältnis, seiner menschlichen Seite nach erfaßt, brauche ich nicht zu erörtern. „Glaube" darf dabei freilich nicht so verstanden werden, wie ihn etwa der Hebräerbrief (11,6) versteht: glauben, daß Gott ist. Das ist der Jakobsseele nie zweifelhaft gewesen: wenn sie ihren Glauben, ihre Emuna bekannte, so bekannte sie damit nur, sie vertraue dem seienden Gott, daß er, wie es der Stammvater erfuhr (I. Buch Mose 28,20; 35,3), bei ihr da sei, und sie vertraue sich ihm, dem bei ihr Daseienden, an. Dieser Tiefe israelitischen Glaubensverhältnisses wird Franz Baader aus der Tiefe der deutschen Sprache gerecht, wenn er „Glauben als Geloben, d. h. als ein sich Verbinden, Vermählen, oder Eingehen" erklärt. Das Angelobtsein des Juden ist die Substanz seiner Seele. Da aber der, dem die Angelobung gilt, der lebendige Gott ist, der an der Unendlichkeit der Dinge und Begebnisse die Unendlichkeit seiner Erscheinungsträger hat, ist dies dem Angelobten Stachelung und Stetigkeit zugleich: in der Fülle der Manifestationen immer wieder den Einen wiederzuerkennen, dem man sich anvertraut, angelobt hat. Das Urwort, das von Gott aus auf dieses Wiedererkanntwerden hin gesagt ist, ist sein Spruch an Mose im brennenden Dom: „Ich werde dasein als der ich dasein werde". Er ist je und je da, je und je seiner Kreatur gegcn- 376