Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Die Brennpunkte der jüdischen Seele
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 375 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Brennpunkte der jüdisdien Seele (Rede auf einer von den vier Judenmissionsgesellschaften deutscher Zunge einberufenen Studientagung in Stuttgart, März 19301) Von Martin Buber Sie haben mich aufgefordert, zu Ihnen über die Seele des Judentums zu sprechen. Ich bin dieser Aufforderung gefolgt, obwohl ich der Sache, die diese Ihre Tagung trägt, entgegen bin, und zwar entgegen nicht bloß „eben als Jude", sondern auch in Wahrheit als Jude, d. h. als einer, der des Gottesreichs, des Reichs der Einung, harrt und alle solche „Mission" als eine Verkennung seines Wesens und Hinderung seines Kommens sieht. Wenn ich trotzdem Ihrem Ruf gefolgt bin, so war es deshalb, weil ich meine, wenn man angerufen wird, eine Auskunft zu erteilen, habe man nicht zu fragen: „Warum habt ihr mich angerufen", sondern man habe die Auskunft zu geben, so gut man kann, — und das ist meine Absicht. Es gibt aber einen wesentlichen Gegenstand innerhalb des Gebiets „Judentum", über den zu Ihnen zu reden ich mich nicht befugt fühlen würde; das ist das „Gesetz". Meine Anschauung dieses Gegenstands weicht von der überlieferten ab, sie ist gewiß kein Anomismus, aber auch kein Nomismus. Ich darf hier daher weder die Tradition vertreten, noch statt der gewünschten Auskunft eine persönliche Stellungnahme aussprechen. Doch scheint mir das Problem des Gesetzes gar nicht in das Thema zu gehören, das ich zu behandeln habe. Anders verhielte es sich, wenn mir obläge, die Lehre des Judentums darzulegen. Denn, die Lehre des Judentums ist eine sinaitische, sie ist eine Moseslehre. Aber Ich veröffentliche diese Rede hier und in dem demnächst im Schocken-Verlag erscheinenden Buch „Kampf um Israel", um unzutreffenden Darstellungen den Wortlaut, soweit er noch — nach der Niederschrift eines Hörers — rekonstruiert werden konnte, entgegenzusetzen. Man wird sehen, daß ich nicht, wie Prof. Adolf Köberle, der nach mir über die Seele des Christentums sprach, meint (Die Seele des Christentums, Berlin 1982, S. 12), „wie ein feurig werbender Anwalt des modernen Lebensbewußtseins" geredet habe. 375