Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1932)
- Article
- Ernset Bloch
- Date
- 1932-10-01
- Page
- 301 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernest Bloch Wer Ernest Blochs Werke vorurteilslos hört, muß zugeben, daß er, im künstlerischen Sinne wenigstens, verschiedene Menschen in Frieden vereinigt. Seine Werke sind voll Schmerz und Leidenschaft. Seine meist einfachen Themen werden mit der ganzen Vielfarbigkeit seines Wesens und der lebhaften dynamischen. Bewegtheit seiner Person gestaltet. Seine musikalische Selbstsicherheit beruht nicht zuletzt auf seinen gut ausgebildeten Kenntnissen im rein Handwerklichen der Musik. Obwohl er es glänzend versteht, die reinen Musikpedanten zu verhöhnen, ist er nicht etwa der Ansicht, daß technische Kenntnisse ein Feind der musikalischen Erfindungskraft seien. Bloch hat sich nicht gescheut, tausende von contrapunktischen Arbeiten zu machen. Als er vor einigen Jahren von Kalifornien nach Europa fuhr, arbeitete er noch immer daran, obwohl die damals bereits vollendete Schlußfuge seines Concerto grosso schon die völlige Beherrschung des klassischen Contrapunktes erwies. Vielleicht ist sein Drang nach Gründlichkeit die Ursache, weshalb er für manches, was unter dem Namen „Moderne Musik", „Neue Kunst" heute geschaffen wird, nicht viel übrig hat. Nicht, weil er es als Verstoß gegen seine traditionellen Vorurteile empfindet — er ist überhaupt nicht kunstkonservativ —, sondern weil er weiß, wieviel Mangel an Fleiß und echten Gedanken sich oft hinter dieser neuzeitlichen Geschmeidigkeit zu verstecken weiß. Bloch weiß aus seiner Lehrtätigkeit in Amerika zu gut, wie manche seiner Studenten und Kollegen mit nur oberflächlichsten Kenntnissen im Handwerklichen sich als Komponisten betätigen, indem sie willkürlich an die Stelle von Einfall die Dissonanz an die Stelle der eigenen Erfindung das Plagiat setzen. Bloch schätzt Originalität sehr hoch, aber nicht jene, die unwahr ist und nur Erstaunen wecken will, sondern, die sich selbst getreu ausspricht. In diesem Sinne ist Bloch selber Original. Ich bin oft gefragt worden: Mit wem ist Bloch vergleichbar, wessen Schüler ist er? Es ist schwer zu sagen. Vielleicht gibt der Vergleich mit seinem musikalischen Lehrer- und Freundeskreis — in Genf dem vor-eurythmischen Dalcroze und Rey, mit den Belgiern Schörg, Ysaye und Rasse, mit Knorr in Frankfurt — noch am ehesten einige Anhaltspunkte. Wie so viele Amerikaner und neuerdings auch viele Italiener, bin ich davon überzeugt, daß Bloch als einer der lebendigsten und echtesten, wenn nicht als der repräsentative Musiker dieser Zeit in die Geschichte eingehen wird. Daran glaubt auch Bloch selbst, der sich seiner Kunstleistungen ganz klar bewußt ist, obwohl er alles andere als eitel im gewöhnlichen, persönlichen Sinne ist. Ich glaube nicht, daß es selbst dem eif- 301