Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 3 (August 1932)
- Article
- Eine deutsche Geschichte [Rezension]
- Date
- 1932-08-01
- Page
- 233 (sequence 3)
- Language
- German
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„Eine deutsche Geschichte" tende Begegnungen im Zeitraum. Etwa nach einem herzlich zynischen Briefwechsel Friedrich des Großen und des Erzbischofs von Breslau — der Jüngling Klopstock, der zur selben Stunde in den Wäldern von Schulpforta „der sündigen Menschen Erlösung" singt. Oder der 2S. August 1706 — Friedrich des Großen berühmter Ausmarsch in den Siebenjährigen Krieg und — Johann Wolf gang Goethes siebenter Geburtstag! Mit solchen Mitteln aber wird nun Wölfgang Goetz wirklich zum Dichter der Geschichte, überall wo eine Gestalt ihn im Herzen bewegt. Schon Otto der Große, der eigentliche Begründer Deutschlands, tritt in heiterer Hoheit vor uns hin, und dann aus dunklen Abgründen aufringend Luther, und dann der preußische Friedrich und Goethe und Bismarck — sie alle werden in Goetzens heller Uebersicht des Stoffs und im gefühlsstarken Klang seiner Worte wirklich lebendig. Und damit wandelt doch ein großes Stück deutscher Geschichte jedesmal sehr greifbar über die Szene. Und man blickt zurück, man sieht, wie dieses große Volk, aus dem Ostteil des Frankenreichs wachsend, nicht jünger j^s die Franzosen und in der nationalen Grundmischung ein paar hundert Jahre älter als die Engländer, der altgegründeten Nationalgeschichte der Westvölker doch beinahe ohne Erfahrung als Nationalstaat gegenübersteht! Denn auf die großartige Begründung der deutschen Macht durch die ersten Sachsenherrscher folgt sofort die Auflösung durch den verhängnisvollen Griff nach der römischen Kaiserkrone und den Jahrhunderte langen Kampf mit der katholischen Papstmacht. Nach dreihundert Jahren ist ein Scheinkaisertum und eine in hundert kleine Souveränitäten zerspaltene Nation die Folge. Die wirtschaftlichen und sozialen Kräfte, die trotzdem in den Städten noch üppig blühen, sie werden dann drangesetzt in dem leidenschaftlichen Emanzipationskampf der Reformation, sie enden in der unbeschreiblich grauenhaften Verwüstung des Dreißigjährigen Krieges. Aus dem Schutthaufen erhebt sich mit erstaunlicher Schnelle schon nach drei Generationen das klassische Deutschland als geistige Großmacht. Aber es dauert beinahe noch ein Jahrhundert bis Bismarck schließlich das sehr unvollständige Gebilde eines neuen Reiches auch nach außen zustande bringt. Und dann dauert es noch nicht einmal fünfzig Jahre, bis die schlechte Schale auch dieses Reich wieder zersprengt. Noch hält der Kern. Aber wird er weiter halten, wird es sich wachstumskräftig erweisen, oder wird dies unseelig geniale Volk wiederum in blinden Leidenschaften des Geistes ausschwärmend, die haltende Form seines nationalen Daseins zersprengen?! — Das sind etwa Gedanken, die uns bei der Lektüre von Wolfgang Goetzens „Deutscher Geschichte" überkommen mögen. — Sie ist kurz, diese deutsche Geschichte und sie ist gut zu lesen. Sie langweilt niemals, auch dort gewiß nicht, wo man sich über sie ärgert. Sie ruft das geschichtliche Bewußtsein wach. Man soll sie lesen! 233