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Der Morgen · 1932-08-01 · Heft 3 (August 1932) · p. 232

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 3 (August 1932)
Article
Eine deutsche Geschichte [Rezension]
Date
1932-08-01
Page
232 (sequence 2)
Language
German
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Julius Bab Stücks, an dem am meisten die echt gefühlte, die glänzend verlebendigte Historie bestach — mit einem Wort: er ist ein Stück von einem Dichter. Er wird nicht Forschungsresultate aneinanderreihen und gelehrt diskutieren; er wird einen innerlich erlebten Zug von Gestalten und Schicksalen für uns lebendig zu machen suchen. Wenn heute viele, zum Teil ausgezeichnete Männer jeder Nation mit solchen künstlerischen Mitteln versuchen, große Gestalten der Weltgeschichte lebendig zu machen — aus kalter Wissenschaft heißen Besitz! — hier soll mit einem großen Schlag die ganze deutsche Geschichte, sollen mehr als tausend Jahre eines Volkslebens gegeben werden. Ein gedichtetes Deutschland — eine herrliche Sache! Nun, ganz so herrlich, wie man träumt, wird es nicht. Denn für jeden Punkt der großen Linie reicht Goetzens Dichterkraft nicht aus. Wenn Wilhelm Schäfer bei einem ähnlichen Versuch („i3 Bücher von der deutschen Seele") an der Monotonie seines immer hochgespannten Pathos gescheitert ist, — Goetz ist nicht weniger durch das Gegenteil gefährdet. Die Nonchalance, mit der er Pathos vermeidet, wird nicht selten zur Schnoddrigkeit. Es ist mehr ein etwas schnellfertiger Journalist als ein Dichter, der Rudolf II., den melancholisch versponnenen Habsburger, „einen trübseligen Trottel" nennt, oder die Schlacht bei Mühlberg erledigt: „der Sieger (des Vortags) war so besoffen, daß er kapitulieren mußte"; oder die Entstehung der Teilsage damit begründet, daß es den Schweizern so ausgezeichnet ging und „nichts kann der Mensch weniger vertragen, als wenn man ihm nicht Gelegenheit zu tiefster Unzufriedenheit gibt." Dieser Schnellfertigkeit im Einzelnen entspricht ein Mangel an Nachdruck in der Führung der Gesamtlinie. Goetz ist sehr antiklerikal, zum mindesten im kirchlichen Sinne antichristlich eingestellt. Er meint schon von Luther „sein Heiland sei nicht mehr der Jesus der Evangelien" und sein eigentlicher Vollender sei der Heide Goethe gewesen. Und die Zukunft Deutschlands sieht er in der Wegwendung vom römischen Italien hin zu den heiligen Hügeln Athens, wo die Göttin griechischer Weisheit auszugraben ist! Man kann sich denken, daß eine in solchem Sinne eindeutig geschriebene Geschichte auch für den, der ihre Grundmeinung nicht ganz teilt, sehr packend sein könnte. Aber Goetz hat diese Grundmelodie nicht zur eigentlich führenden Stimme seines Buches gemacht. Viel zu lange steckt er oft im Gestrüpp der diplomatischen und militärischen Details, ehe wieder führende und gestaltende Kraft in seinem Vortrag auftaucht. Denn nun beginnt (um mit Lessing zu reden) „was ich dem Herrn Major schuldig bin". Schuldig ist man Goetz Dank vor allem für die prachtvolle Art, mit der er — aus einer offenbar großen Fülle von Quellenkenntnis — Zitate herausreißt, die einen Menschen und eine Epoche mit eins belichten. Da steht Wallensteins Brief an Keppler, oder eine Briefstelle Bismarcks während der Verhandlungen in Versailles, oder die schöne Äußerung des bayerischen Kanzlers von Eck über den Bauernkrieg: „Ich habe um meine Lachsforellen Sorge, sonst bekümmert mich der Bauern Vorhaben nicht". Solche Dinge stehen da und erhellen mit Scheinwerferkraft die Landschaft. Oder es gibt wunderbar erleuch- 232

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