Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1932)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1932-06-01
- Page
- 158 (sequence 1)
- Language
- German
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Anzeigen Paul Ernst: Über die Grundlagen der neuen Gesellschaft. Georg Müller-Verlag, München. Man kann auf ein Buch hinweisen, weil es gut ist und zu wenig Beachtung findet oder weil es schlecht ist und trotzdem beachtet wird. Beides ist, je nach den in Betracht gezogenen Kreisen bei diesem Band von Paul Ernst der Fall. Gutes, das gänzlich ohne Kritik hingenommen werden konnte, findet sich kaum darin. Es gibt fast keine Erscheinung der bestehenden Gesellschaft, die in diesen „Grundlagen der neuen Gesellschaft" von diesem anscheinend einsam Verbitterten nicht angegriffen würde. Jeder Angegriffene soll auf seine Verteidigung sinnen. Und dies ist auch der Grund, weshalb das Buch in diesen Blättern erwähnt werden soll. Denn es ist ja beinahe selbstverständlich, daß darin gegen die Juden, den Sündenbock kat exochen losgezogen wird. Da der Sozialismus, insbesondere der Marxismus seinen Hauptangriffspunkt bildet, so wendet sich Ernst auch scharf gegen Marx, von dem er den sibyllinischen Satz schreibt: „Er war nicht der Mann, der das Gute wollen durfte" (S. 108). Wie einseitig und voreingenommen der Verfasser ans Werk geht, erhellt aus folgendem Satz: „Sie (die Juden) üben nur bestimmte wirtschaftliche Tätigkeiten aus und hätten nicht allein für sich als Volk leben können, denn es fehlt ihnen die Masse der verschiedenartigen Begabungen und Tätigkeiten, welche alle nötig sind um ein Volk zu bilden" (S. 106). Daß die Juden von den Völkern selbst daran verhindert wurden, andere Tätigkeiten auszuüben, davon kein Wort! Zu allem was ihm verhaßt ist, konstruiert er Ähnlichkeiten mit den Juden. Stets spricht er ihnen die schöpferische Kraft ab (S. S87 z.B.). Immerhin ist er so gnädig, an eine schlimme Judenverschwörung nicht zu glauben l Doch wir können uns trösten: er wettert gegen Alles und Alle, gegen "die alte Gesellschaft, den Adel, die Ostelbier; auch die Frauen als Gattung müssen sich allerlei gefallen lassen (S.445). Die schlimmsten Worte hat er gegen das Volk, den „Proletarier", die „Masse". Ich habe noch nie einen Künstler, der er doch zu sein vorgibt, mit so viel Verachtung und somit Unverständnis vom Volk sprechen hören. „Wix deutschen Europäer aber, wir Nachkommen der alten Griechen sind die höchsten Menschen und haben den höchsten Gott" (S.28). Aber auch gegen einige aus diesem auserwählten Stamm ist er unerbittlich. Was hat ihm Spengler getan (S.297), dem er doch so viel Gedankengut verdankt? Oskar Maria Graf, dessen Einstellung ihm nicht paßt, obwohl sein Ursprung P. Ernst wohl entsprechen müßte, wird das Künstlertum abgesprochen. Selbst Goethe geht es nicht besser (S.567): als Dichtung aus zweiter Hand wird sein Werk bezeichnet. Dies Buch mit seinen aktuellen Schlagworten ist geeignet in vielen Köpfen Unheil anzurichten. Denn mittelmäßige Bücher und mittelmäßige Menschen haben in der großen Menge, eben weil sie ihr viel adäquater sind,, viel mehr Einfluß als ganz Große. Auch der lockere Stil voll Partikeln (das macht wohl die Nachkommenschaft der alten Griechen?^ fließt so leicht ein. Wie schade, daß Stil und Grammatik nicht immer ganz einwandfrei sindl Auch das Haßerfüllte, Schimpfende findet leicht offene Ohren. Jeder wirklich bedeutende Mensch hat Demut, schon weil er bedeutend genug ist, Selbstkritik zu üben; daher hat er auch Humor. Paul Ernst hat keine Demut und keinen Humor. Eine Charakteristik, die er für das „Marxische Svstem" konstruiert hat, trifft ganz auf ihn selbst zu: „Eigentümliche scharfsinnige Unklarheit des Denkens, bei welcher stets Einsicht und Willensimpuls durcheinander gehen" (S.274)- So geht es bei Ernst: er hat viel gedacht und auch gelesen, aber mit Vorurteilen. Er nimmt einen Anlauf zu klarem Denken; aber dann plötzlich durch ein Vorurteil biegt der an sich richtige und gesunde Gedanke krumm um die Ecke. Oder er holt mit irgendeinem, mit Vorliebe aus primitivem Naturbereich genommenem Beispiel weit aus; im Augenblick da er die verallgemeinernde Konsequenz zieht, gibt es einen Sprung, den der selbst voreingenommene und mit dem Ergebnis einverstandene Leser nicht merkt. Doch der Ansatz des Denkens bis zur Krümmung, bis zum Sprung, ist oft sehr gut. Die Kritik an der heutigen Gesellschaft ist zum großen Teil berechtigt. Wenn auch Worte wie „Unsinn" und „Gesindel" in ekelhafter Wiederholung erscheinen und kein Funke von Liebe zum Menschen aus den nahezu 600 Seiten spricht, so ist es auch wieder heilsam, einen Mann, dem es immerhin ernst ist, wieder von Zucht und Sitte sprechen zu hören und den Finger auf wirkliche 158