Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1932-06-01 · Heft 2 (Juni 1932) · p. 156

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 2 (Juni 1932)
Article
[Rezension]
Date
1932-06-01
Page
156 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2895450-2895507-2895510-2902281--05810-2902385
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Anzeigen gedeckten Einfluß gebiete sei noch eines erwähnt, dessen Kenntnis nur wenigen zugänglich ist: Rußland, das alte und nicht weniger die heutige Sowjet-Republik. Rawidowiczj zeigt, wie Feuerbach sich dort des höchsten Ansehens erfreut, wie er namentlich auf Lenin stark gewirkt und welche wichtige Rolle er noch in den jüngsten geistigen und politischen Kämpfen gespielt hat. — Doch es muß hierfür wie für alle einzelnen Fragen auf das Werk selbst verwiesen werden, das mit einer heute selten zu findenden Objektivität über den Verlauf und die Bedeutung eines wichtigen Stroms des Geisteslebens neues Licht verbreitet. Heinrich L e v y. Ernst Simon: Das Werturteil im Geschichtsunterricht, mit Beispielen aus der deutschen Geschichte von 1871 —1918. (Der deutsche Geschichtsunterricht, Bd. 6.) B.G.Teubner, Leipzig und Berlin ig3i. Geschichtsunterricht in der nachrevolutionären Zeit, zumal an höheren Schulen, mit denen sich diese Schrift fast ausschließlich befaßt, führt in eine der wichtigsten Fragen des neuen Lebens hinein: in das pädagogische Problem, wie durch eine neue Erziehung die Grundlagen für eine Zukunft von wesentlich geändertem Gesicht zu schaffen sind, und innerhalb dieser allseitigen Aufgabe in das bedeutsamste Teilgebiet des sich grundstürzend wandelnden politischen und sozialen Daseins. Die Schrift ist überwiegend referierend; und da der Verfasser bemüht ist, die Fülle der Theorien und praktischen Vorschläge möglichts vollständig zu umfassen und zu würdigen, da er über eine außerordentliche Literaturkenntnis auf seinem Gebiete verfügt und die charakterisierende Darstellung im allgemeinen recht glücklich ist, so weiß er dem Leser einen gewaltigen Stoff zu bieten. Und doch wäre weniger mehr gewesen. Simon hat sich die Bewältigung einer gar zu weiten Aufgabe auf vergleichsweise schmalem Raum vorgenommen. Er geht von den philosophischen Grundlagen der Wertlehre, wie sie von Lotze konzipiert wurden, aus, um über Nietzsche, Simmel, Windelband, Rickert, Troeltsch zur gegenwärtigen Diskussion dieser Probleme zu gelangen. So anerkennenswert dabei die kritisch verständnisvolle Analyse des Einzelnen ist, so tritt bei dieser Einfühlung in die Theorien ein eigener positiver Standpunkt nicht mit wünschenswerter Klarheit hervor. Es ist nicht des Verfassers Schuld, sondern eben nur Ausdruck eines Tatbestandes, wenn die Auswertung der abstrakten Theorien und die Nutzanwendung für die praktische Pädagogik zeigt, wie weit noch die Kluft zwischen der relativ jungen Wissenschaft der Werttheorie und der lebendigen Praxis gähnt. Man möchte das pessimistische Wort von der Anarchie der Werte auch darin bestätigt finden, daß die in sich vielspältige Theorie der Praxis nicht bloß keinen verläßlichen Halt gibt, sondern geradezu diese ermuntert und legitimiert, zwischen der äußersten Rechten und der äußersten Linken alle möglichen Standpunkte zu versuchen und durchzuführen. Sehr instruktiv ist der Überblick, den wir über ,,die wertpolitische Erörterung an den Schulen" erhalten; insbesondere der Aufweis der Kontinuität in der deutschen Schulpolitik vom Beginn der Regierung Wilhelms II. bis zum heutigen Tage. Dieser Teil zeigt deutlich, wie sich in der allseitigen Bemühung um Schulreform der gesamte Wandel im politischen und sozialen Leben manifestiert. Einen Einblick in die Lehrerpersönlichkeit des Verfassers gibt die Beispielsamrnlung, die ein gutes Viertel des Buches ausmacht. Simon will hier an prägnanten, tief in das Volksbewußtsein eingegangenen Gestalten und Ereignissen des letzten halben Jahrhunderts den Lehrer als den Diskussionsleiter im Klassengespräch zeigen. Hierin scheint mir das Beste dieses trotz aller theoretischen Erörterung höchst lebendigen Buches zu liegen, zugleich das, was diese Schrift über den Kreis von Pädagogen hinaus lesenswert macht: Kulturkampf, Rassenf rage, Dreyfus-Affäre, Kriegsschuld, Marne-Schlacht, Friedensproblem usw. — alles Fragen, die die Grundlagen noch des gegenwärtigen politischen Bewußtseins abgeben, werden hier vor reiferen Schülern, und das heißt wohl vor lebendigen bewegten Menschen, in ihrer Vieldeutigkeit ausgebreitet, nicht dogmatisch gelöst, sondern in ihrem dauernden Charakter als Fragen vorgestellt. (Das Jüdische spielt in diesem Buche nur eine Rolle, soweit es sich zwanglos als Bauglied der Gesamtkonstruktion einfügt. So 156

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.