Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1932)
- Article
- Aus den Jugenderinnerungen Steinthals
- Date
- 1932-06-01
- Page
- 146 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2895450-2895507-2895510-2902278--05797-2902375- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 1× ep/1002670
OCR text
Leo Baeck: Aus den Jugenderinnerungen Steinthals mir einen Dreier. Im Hebräischen lernte ich außer dem Text des Pentateuch, einiger Psalmen, einiger Kapitel der Sprüche, der fünf Megilloth und der Propheten auch Raschi und gelegentlich Biur.1) Hebräische Grammatik lernte ich nach der Methode, in der im Mittelalter in den Klöstern Latein gelernt wurde: wir übersetzten die hebräisch verfaßte Grammatik der hebräischen Sprache von Ben- Sew. Und da wir uns bei den Gesetzen des Dagesch, des Vokalwandels und der Akzente sehr lange aufhielten, so lernte ich von der Konjugation, den Verben nur wenig, von der Wortbildung gar nichts. Nicht in der Schule, sondern bei unserem Chason2) Reb Hirsch lernte ich Mischna und ein klein wenig Gemara. Hier habe ich ein Beispiel davon zu erzählen, wie stillschweigend und selbstverständlich unter uns die Sachen hergingen. Eines Nachmittags gab mir mein älterer Bruder ein Buch in die Hand und sagte: „gehe damit zum Chason". Das tat ich, und dieser sagte zu mir: „Setze dich". Und so setzte ich mich mit seinem Sohne, der gleichaltrig mit mir war, an den Tisch, und wir lernten. Dieser Unterricht war natürlich umsonst. Doch ich hatte nicht daran gedacht zu fragen oder mich jemals zu bedanken. Obwohl ich, ebenso wie mein jüngerer Bruder, zuweilen, wenn niemand sonst im Laden meiner Eltern war, für einen Dreier Stecknadeln, Zwirn oder Seide verkaufte, hörte ich häufig Bekannte meiner Eltern von mir sagen: Der wird kein Kaufmann, der wird ein Rabbiner. Gefragt, sagte ich, daß ich kein Rabbiner werde, aber viel lernen möchte. Mein älterer Bruder aber, der nach dem Tode meines Vaters im Geschäft bleiben mußte, wozu er weder Lust fühlte, noch Befähigung hatte, war entschlossen, mich studieren zu lassen. Er fühlte sich unglücklich; er war ein hervorragendes mathematisches Talent und mußte im Handel verkommen. Damit es mir nicht ebenso ergehe, wollte er aus mir etwas machen. Er veranlaßte meine Mutter an Ostern i836, als ich noch nicht dreizehn Jahre alt war, mich nach Bernburg zu bringen. x) Den hebr. Kommentar Moses Mendelssohns. 2) Vorbeter. 146