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Der Morgen · 1932-06-01 · Heft 2 (Juni 1932) · p. 145

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 2 (Juni 1932)
Article
Aus den Jugenderinnerungen Steinthals
Date
1932-06-01
Page
145 (sequence 5)
Language
German
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Aus den Jugenderinnerungen Steinthals Geschichte" hahe ich den allgemeinen Zuschnitt der jüdischen Schule in Gröbzig schon gezeichnet. Ich erinnere mich nur noch weniger Augenblicke aus jener Zeit. Als charakteristisch für mich erzähle ich, daß ich, als ich ungefähr neun Jahre alt war, nachdem ich schon längere Zeit Diktate ohne besondere Fehler geschrieben hatte, eines Nachmittags in die Geheimnisse der Orthographie gründlicher eingeführt werden sollte. Es ward uns ein Lehrheft diktiert, welches begann: „Orthographie ist die Kunst, richtig zu schreiben, und Grammatik ist die Kunst, richtig zu sprechen." Obwohl es ein Sommernachmittag war, spielte ich an diesem Tage nach Schluß nicht mit den anderen Knaben, sondern ging einsam und still für mich, im Hochgefühl der erlernten Weisheit. Ich habe ein ähnliches Gefühl im späteren Leben recht oft gehabt; vielleicht aber niemals in solcher Stärke. Es traf damals ein Doppeltes zusammen: Einerseits die mir bis dahin völlig fremde Form der Definition und andrerseits der Parallelismus der beiden Definitionen. Ich sagte mir beide fortwährend vor. Wir Kinder kannten ein vierfaches Deutsch: Unsere Eltern sprachen das eigen lliche Jüdisch-Deutsch, mit eingestreuten hebräischen Wörtern, die in der lebendigen Rede oft anders gesprochen wurden als im hebräischen Gebet. Die christlichen Knaben sprachen den mitteldeutschen Volksdialekt. Wir jüdische Knaben sprachen weder wie unsere Väter und Mütter, noch auch wie die christlichen Kinder, die natürlich genau so wie ihre Eltern sprachen. Es war ein gemäßigtes Judendeutsch. Ich muß hinzufügen, daß manche der älteren Juden und Jüdinnen, die eine gewisse Bildung hatten, z. B. auch mein Vater, der sogar französisch gelernt hatte und ein ziemlich korrektes Deutsch schrieb, im Umgang mit den Christen genau so sprach wie diese: den Dialekt mit den Bürgern; reines oder dem reinen sich näherndes Deutsch mit den Honoralioren. In der Schule sollten wir Knaben reines Deutsch sprechen, was uns schwer ward, weil es uns geziert schien. Durch die Grammatik sollten wir sprechen lernen; aber sie schien mir oft überflüssig, weil ich schon zu wissen glaubte, was sie mich lehrte. Die Anweisung, „wem" oder „wen" zu fragen, und danach den Kasus zu bestimmen, schien mir geradezu lächerlich. Denn, sagte ich mir, wenn ich weiß, ob ich „wem" oder „wen" fragen soll, dann brauche ich nicht mehr zu fragen. Mein Gedächtnis wajr derartig, daß Vokabeln oder zusammenhängende Stücke, die ich absichtlich auswendig lernen wollte, mir schwer wurden und auch nicht lange fest sassen. Stücke dagegen, die ich auswendig zu lernen gar nicht die Absicht hatte, aber oft hörte oder las, wußte ich auswendig, und sie blieben unverwischlich durch die regelmäßige Wiederholung, z. B. die Gebete. Als in meinem elften Jahre zwei meiner Mitschüler sich rühmten, dieses oder jenes Gebet auswendig zu können, erklärte ich ganz ruhig: Ich aber kann den „lang wehu rachum" auswendig. Ich bewies mein Können, indem ich jenes Gebet von Anfang bis zu Ende auswendig vortrug, während jene mich im Gebetbuch verfolgten. Herr Herzfeld hatte uns belauscht, und als ich ohne Verwirrung und ohne ein Wort auszulassen, das ganze ohne Anstoß hergesagt halte, war auch er überrascht und schenkte 10 145

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