Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Die griechische Weltanschauungslehre bei Juden und Römern
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 50 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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I. Heinemann später schreiben die Philosophen vor allem für „Verwirrte", denen es schwer fällt, die Brücke vom Gotte der Wissenschaft zu dem der Religion zu schlagen. Immer deutlicher zeigt sich, daß die Urfragen des gläubigen Menschen, mit denen schon das alte Israel rang, durch die Anwendung der philosophischen Methode keine überzeugende, endgültige Lösung, sondern nur eine Übertragung auf eine andere Ebene erfuhren; ja, die Spannung zwischen Weltlauf und Gerechtigkeit, zwischen Bindung und freiem Willen, zwischen menschheitlichem Denken und Volkserhaltungstrieb schien sich vielleicht dadurch noch zu erhöhen, daß das Gewicht des wissenschaftlichen Denkens eher in die Wagschale der Erfahrung, der Kausalität, des Universalismus fiel. Gewiß verdient der Mut und die geistige Kraft Anerkennung, mit der die führenden jüdischen Philosophen des Mittelalters die Einzelfragen behandelt haben, die sich aus diesen Spannungen ergaben — um zugleich ihrem Volke und der Wissenschaft zu dienen. Sie widersprechen dem „Philosophen", wie Aristoteles ihren Kulturkreis hieß, vom religiösen Standpunkte aus da, wo sie es wissenschaftlich rechtfertigen konnten (etwa in der Schöpfungslehre), und sie deuten den Buchstaben der Bibel da um, wo er dem Weltbilde der Wissenschaft widersprach. Ihre Werke wurden gefeiert und gelesen, über die jüdischen Kreise hinaus; und viele ihrer Leser traten, mindestens grundsätzlich, auf ihre Plattform. Aber es fehlte doch auch nicht an solchen, die den Ausgleich nicht für geglückt hielten oder ihre jüdische Frömmigkeit in diesem Bilde einer philosophischen^ Religion nicht wiedererkannten. Ihnen boten sich drei Wege dar. Die einen verlassen die Bibel um des Hellenismus willen. Es entsteht eine Anzahl von Zweiflern, sehr unähnlich den charakterlosen Graeculi der Makkabäerzeit, — die sich aus ernstem Ringen heraus innerlich vom Judentum lösen: von den Gegnern der Bibel, die Philon, Saadia, Maimuni bekämpfen, führt ihre Reihe bis auf Spinoza. Aber auf das Judentum haben sie nur in sehr geringem Maße wirken können, da sie, im Gegensatz zu Gleichgesinnten in Christentum und Islam, der bedrückten Gemeinschaft vielfach den Rücken gekehrt zu haben scheinen. Solcher Abfall verstärkt natürlich die grundsätzlichen Bedenken anderer, „neben dem Altar Gottes einen Hain" nach heidnischer Art zu errichten, neben dem altjüdischen Wissen die hellenische Wissenschaft zu pflegen. Wie einst Cato gegen die Griechen, so kämpfen sie gegen die Griechenfreunde selbstverständlich nur mit den Waffen der Gewalt: der Bannstrahl, der Scheiter- 50