Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Die Berufswahl der Jugend
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 40 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Alfred Marcus wendigkeiten einstellen werden. Für die Menschen aber, die jetzt oder in den nächsten Jahren von der Schule kommen, ist die Umstellung auf diese Gegebenheiten besonders schwer, und sie wird auch nur dann erfolgen können, wenn man dem einzelnen mit gutem Gewissen zu sagen vermag, daß er sich hier nicht nur seinem kleinen persönlichen Schicksal, sondern dem größeren des gesamten deutschen Judentums unterzuordnen hat. Dieser Gedanke führt uns mitten hinein in die Erkenntnis, daß der junge Jude, der vor der Berufswahl steht, als einzelner es heute mit kaum übei*windlichen Schwierigkeiten zu tun hat, daß aber das deutsche Judentum als Gesamtheit die tiefste Verpflichtung fühlen muß, ihm diese Schwierigkeiten nach Möglichkeit überwinden zu helfen. Hier liegt noch eine Aufgabe für unsere jüdischen Bünde, mag es sich nun um Ellern- oder Jugendbünde handeln, deren Durchdringung und Lösung ohne Zögern in Angriff zu nehmen ist. Möglich ist das nur in einer engen Zusammenarbeit beider Bündegruppen. Wenn der jüdische junge Mensch weiß, daß die Schwere der Berufswahl, die Härte des Weges, an dessen Anfang er jetzt steht, ihn nicht allein trifft, wenn er sieht, daß sein jugendlicher Kreis in Zusammenarbeit mit den Vereinigungen der Eltern den Versuch dazu macht, den sozialen Absturz, der sich jetzt vollzieht, durch eine Verstärkung der Bindung an das — wagen wir ruhig einmal das Wort — „jüdische Kollektiv" auszugleichen, so wird es ihm leichter fallen, diesen schweren Weg zu gehen. Konkret gesprochen ergibt sich hieraus folgendes: Es wird bei jedem jungen Menschen, der jetzt von der Schule kommt, zunächst mit größter Sachlichkeit und Unbestechlichkeit des Urteils zu prüfen sein, ob er etwa ganz besondere Begabungen für die Ausübung eines bestimmten Berufes erkennen läßt. Wird diese Frage bejaht, so ist es die Aufgabe der jüdischen Gesamtheit in Deutschland, ihm die Erreichung seines beruflichen Zieles auch dann zu ermöglichen, wenn etwa vom Elternhause her nicht die Mittel hierfür zur Verfügung gestellt werden können. Man wird das in Zukunft nicht mehr dem Zufall der Erlangung eines Stipendiums oder sonst irgend einer Beihilfe durch irgendwelche privaten „Beziehungen" überlassen können. Es wird Aufgabe der Vertretung des deutschen Judentums sein, diese Art der Berufsfürsorge soweit zu objektivisieren, daß hier tatsächlich ein Ausleseprozeß vor sich geht, der für das gesamte deutsche Judentum von Wert ist. In dieser Hinsicht also liegen die Verhältnisse noch relativ einfach. Schwierig werden sie erst dann, wenn es sich um die Berufswahl des durchschnittlich begabten jungen Menschen handelt, der spezielle Eignungen nicht erkennen läßt. Auch hier muß sich 40