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Der Morgen · 1932-04-01 · Heft 1 (April 1932) · p. 27

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 1 (April 1932)
Article
Psychologie des Hassens
Date
1932-04-01
Page
27 (sequence 5)
Language
German
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Psychologie des Hassens anderes als die zuchtvolle, beherrschte Zusammenfassung der sittlich-rechtlichen Kräfte, die die Geschichte geformt und in Geltung gesetzt hat. Darum ist die unbeherrschte Affekthaltung, also auch die Haßhaltung, stets das Gegenteil der Vornehmheit. Haß macht hysterisch. Menschen mit starken Haßaffekten sind fast durchweg labile, unzuverlässige, launische, hin und hergeworfene Charaktere. Auch der Vornehme versteht zu kämpfen. Aber nicht belastet mit Haßaffekten, sondern aus klarer, d. h. affektfreier Werterkenntnis und sachlicher Hingahe an den Zielwert. Er kann auch dem Gegner gegenüber nicht anders als sachlich und vornehm sein. Er bleibt ihm gegenüber stets in der Haltung einfacher PfHchterfüllung. Im wahrsten Sinne unsrer Sprache „erfüllt" ihn Pflicht bis zu dem vollkommenen Grade, daß für den Affekt kein Raum in seiner Seele bleibt. Er verkleinert nicht den Gegner, er schmäht ihn nicht, beschimpft ihn nicht, verfemt ihn nicht, sondern er sieht in unerschütterlicher, abwägender Rechtlichkeit seine Werte, Motive und Irrungen. Er wünscht nicht Kampf mit dem kleinen Gegner, sondern mit dem gleich starken, dem ebenbürtigen. Das ist der Sinn der Ritterlichkeit, der immer der Vornehmheit innewohnt. Der ungleiche Kampf ziemt nicht dem ritterlichen Sinn. Wo also Haßaffekte in unsachlicher Weise den Gegner verkleinern und schänden (durch Verleumdung, Schimpf, Schmähung, Verdächtigung), da ist die Gleichheit der Gegner aufgehoben; und wo diese Schändung etwa selber Kampfmethode wird, da ist ritterlicher Sinn nicht mehr vorhanden. Dies Symptom ist untrüglich. Alle Vornehmheit ist charakterisiert durch eine gewisse Kühle. Das Heißlaufen der Affekte, wo es im Naturlauf liegt, wird sofort unter die Kontrolle des Willens genommen, und diese Kontrolle duldet nicht, daß die Affekthitze an die Oberfläche dringt, daß sie zur Äußerung wird, daß sie in den tatsächlichen Lebensstil der kühlen Willensherrschaft eindringt und diese Willensherrschaft beeinträchtigt oder verdrängt. So entsteht der Stil der „Selbstbeherrschtheit", der „vornehmen Ruhe", der immer als Überlegenheit gefühlt wird, weil er in der Tat strenge Unnachgiebigkeit gegen die rohen Affektvorstöße ist. Jede Nachgiebigkeit, jede Formlosigkeit, jeder Augenblick in dem der Mensch dem Affekt verfällt, wird von dem Vornehmen als etwas Unästhetisches empfunden, gegen das er sich nicht nur seelisch, sondern körperlich wehrt. 27

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