Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Psychologie des Hassens
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 26 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Michael Müller-Claudius 5. Die Sublimierung des Hasses in der rehgiös-sittiichen Kulturentwicklung Mit dieser Entwicklung des menschlichen Rechtsbewußtseins geht die kulturgeschichtliche, insbesondere die sittliche und religiöse Entwicklung parallel. Das Entscheidende in der Entfaltung des religiös-sittlichen Bewußtseins ist hier dies — in einer großen Linie gesehen — daß die personliche Haßanlage gegen Menschen sublimiert wird zum Haß gegen das Böse. Das Böse, das Unrecht, das Niedrige soll der Mensch nun hassen und tilgen, zuallererst in sich selbst. Den Träger des Bösen hingegen, den „bösen Menschen" soll die Gemeinschaft nicht hassen (man soll nicht „Böses mit Bösem vergelten"), sondern sie soll ihn bekehren, d. h. das Gegenteil des Hasses an ihm vollziehen: einen Akt der Zurückführung in die Gemeinschaft, einen Akt der Gemeinschaftsbildung und der Gemeinschaftsverfestigung. Es ist außerordentlich aufschlußreich zu sehen, wie in diesem Sublimierungsprozeß die „Naturanlage" des Hasses nicht verneint, sondern vielmehr unmittelbar ethisch verwertet wird: Hasse das Böse, in dir zuerst! Greife es an, in dir zuerst! Mit dieser fruchtbaren, reinigenden Innenwendung des Hasses wird er aber zugleich in seinen gemeinschaftzerstörenden Funktionen aus dem Zusammenleben der Menschen verbannt: Nicht hassen, sondern vergeben und helfen sollen Menschen untereinander. Gott ist ein Gott der Liebe. Dies ist das höchste Symbol der Entthronung des Hasses. Nicht nur im religiös-sittlichen, sondern im kulturellen Sinne schlechthin. Denn dieser Sublimierungsprozeß steht am Anfang — ja er ist die Voraussetzung jeder staatlichen Rechtsgemeinschaft. Ohne ihn wären die großen Gemeinschafts- und Ordnungsgebilde Staat und Nation nicht denkbar. Und wo dieser Sublimierungsprozeß wieder außer Geltung gesetzt und der Haß wieder als Urkraft verkündet, gepriesen und gefordert wird, da zerreißen Staaten und Nationen, Volkstrümmer wüten gegen Volkstrümmer, alle Ordnungsenergien verdorren, die Zerstörungsenergien triumphieren, Verhetzung Verleumdung, Mord treiben zum Abgrund. Auch heute noch. Auch in Deutschland. 6. Der Haß und die Moral der Vornehmheit Mit diesen geistesgeschichtlichen Entwicklungslinien hängt auf das innigste zusammen die Prägung der Moral der Vornehmheit. Vornehmheit ist nichts 26