Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1932)
- Article
- Lebenserinnerungen [Rezension]
- Date
- 1932-02-01
- Page
- 549 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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, .Lebenserinnerungen " spürend nach. (Daß die Mütter, die dem Kinde das früheste und tiefste seelische Leben geben, in den drei Werken gleicherweise Inbegriff und Verwirklichung der verehrungswürdigen Liebe sind, ist eine bezwingende Übereinstimmung in der Bewertung des Werdens.) Wie diese drei Juden ihrer Heimat verhaftet sind: Kurtzig läßt den Doktor Frank die Krankheit des jüdischen Lehrers durch Spaziergänge über die heimatlichen Felder heilen. Oppenheimer, der, frei von einseitiger Schätzung dieses oder jenes Menschenschlages, die Menschenpersönlichkeit kritisch betrachtet, wird zum begeisterten Dichter beim Gedanken an die Heimaterde: „Heimat ist Heimat, und noch heute stelle ich einen märkischen See im Dämmerglanz eines Spätsommerabends, wenn sein Kiefernkranz rot erglüht, getrost neben die berühmtesten Landschaften der Welt. Meine Havelseen, ich grüße euch: an euch habe ich zuerst erkannt, was die Herrlichkeit der Natur ist, an euren Ufern trank ich zuerst „was die Wimper hält, von dein goldnen Überfluß der Welt". — Und wenn Levin seine „Kindheit im Exil" verbracht zu haben meint, vielleicht weil er das Blut der Patriarchen in sich spürte und weil er, biblisch-jüdisch durchtränkt, Swislowitz und seine Leute als Bibelland und Bibelfiguren sah, so scheint sich ihm aus seiner seelischen Besonderheil, die ihn von jüdischen wie nichtjüdischen Menschen der Umgebung unterschied, und aus seinem nachträglichen zionistischen Erlebnis heraus die Geburtsheimal zur Fremde verwandelt zu haben. „Die ursprüngliche Heimat ist eine Mutter, die zweite eine Stiefmutter", so sagt das Sprichwort gerade in Levins Geburtsland. Jedenfalls: wer die Geburtsheimal in seelischer Unzerrissenheit so sieht und so zu schildern weiß, wie Levin, wer, wie er, die Scholle, die Welle, den Wald und die Wiesen so liebkosend umfaßt, der ist mit dieser Heimat verwurzelt, der lebt vielleicht in einem Traumland, aber nicht in der Fremde. In den drei Büchern findet die soziale Eingliederung in den Umkreis der Menschen betonte Wertung. Mitverantwortung als Bewußtsein und helfende Tat als deren Bewährung finden deshalb in den drei Lebenserinnerungen eingehende Behandlung. Diese soziale Eingliederung ist zwar bei einem Franz Oppenheimer eine selbstverständlichere als bei einem Shmarya Levin und ist in Kurtzigs „An der Grenze" entsprechend dem Lebenszuschnitt des kleinen Städtchens in engere Grenzen gewiesen, aber die Mutter Levins weiß die seelische Gemeinschaft mit der Umwelt ebenso herzustellen wie die Männer und Frauen im Grenzstädtchen oder die Mitglieder der Familie Oppenheimer mitten im Treiben der Hauptstadt. Wenn auch der Jude erst als echter Angehöriger sich legitimieren muß, während der Nichtjude bis zum Beweise des Gegenteils ohne weiteres als legitimiert gut, und wenn auch der Jude infolgedessen durch Überkompensation leicht aus dem Gleichgewicht der Haltung gebracht wird: das Jüdische im Menschen bleibt doch in allen drei Büchern in sich gelagert. Und Franz Oppenheimer, der infolge der Loslösung von zahlreichen religionsgesetzlichen Vorschriften der Gefahr am meisten ausgesetzt ist, aus seinem jüdischen Gleichgewicht zu geraten, bekennt zwar, daß er durchaus assimiliert sei, aber niemals ein Assimilant war. Er bekennt sich offen zu 549