Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1932)
- Article
- Von "Ur" zur Gegenwart [Rezension]
- Date
- 1932-02-01
- Page
- 541 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Von „Ur" zur Gegenwart nen, seine besondere Kenntnis der russischen und der in den russisch-jüdischen Archiven ruhenden Quellen zustatten. Die Darstellung ist voll Leben und Bewegung; von dem politischen und sozialen Hintergrund der damaligen Judenheit hebt sich Gestalt und "Wille des Begründers der chassidischen Bewegung ab. Persönlichkeiten und Ideenfolge der Bewegung erstehen in ihrem Aufstieg und ihrem Abstieg. In Breite — vielleicht ist sie mitunter etwas zu groß — werden die einzelnen Phasen in dem Kampf um die neue Bewegung geschildert. Man liest von ihm mit dem Bedauern., das jedesmal aufsteigt, wenn man erfährt, daß um Ideen und Gedanken mit den Methoden staatlicher Machtpolitik gestritten wird, mögen die Kämpfer auch noch so sehr von der Überzeugung getragen sein, daß sie um der Heiligkeit des Glaubens willen zu jeglichen Mitteln greifen müssen. Das Buch hat seinen unverlierbaren Platz in der neueren jüdischen Geschichtsschreibung. Der Chassidismus war der neuzeitliche Ausläufer der jüdischen Mystik; Messiassehnsucht durchzieht in ihm Führer und Volk. Messiastraum gewann einst Leben in der Gestalt Sabbatai Zewis, dessen Geschichte Josef Kastein unter neuen Gesichtspunkten zu schreiben versucht.1) Das Buch ist in zwiefacher Weise charakteristisch; einmal, weil es mehr ist als nur Schilderung der rätselvollen Gestalt, und dann wegen der Auffassung, die Kastein von der Persönlichkeit Sabbatai Zewis hat. Es ist nicht nur Biographie eines Menschen; die Zeit des grauenvollen Kosakenaufstandes und der entsetzlichen Judenmetzeleien in der Ukraine wird geschildert, jene Epoche, mit der die. bis heute andauernde Rückwanderung der Juden von Osteuropa nach dem Westen beginnt; eine Zeit der tiefsten Aufwühlung, in der die Messiashoffnung zu so unmittelbarer Erwartung anschwoll wie nur noch zur Zeit Jesu. Es gelingt Kastein ausgezeichnet, sowohl die von Sabbatai Zewi persönlich im Verkehr mit seiner Umgebung ausgehende Wirkung zu schildern als auch jene, die von seinem Namen und seinem Wort in die Weite der Welt ausging, die durch nichts zu erschütternde Gläubigkeit der einen und die Skepsis der anderen, die bei Vielen nicht nur berechtigte Skepsis, sondern gewöhnliche Furcht war. Kastein versucht, Sabbatai Zewi vor uns erstehen zu lassen als jemand, der wirklich von seiner Sendung und seiner Berufung durchdrungen ist, — man ist sonst gewohnt, ihn als Betrüger abzutun — aber zugleich als einen Menschen, dem die Kraft zur Entscheidung, zum selbständigen In-Bewegung-Setzen der Welt fehlt, der immer darauf wartet, was die Tage ihm bringen werden, was ihm entgegenklingen wird, und der erst aus dem Klang, der zu ihm dringt, Kraft zum Handeln und Zielsetzen gewinnt; als einen Menschen, der nicht ein Angerufener war, der das sein muß, wozu er angerufen wurde, sondern der gelten wollte und dem sein Ich im Mittelpunkt stand. In breiter, aber nicht ermüdender Darstellung wird der Lebensweg Sabbatai Zewis geschildert, Überschwang und Enttäuschung innerhalb des damaligen Jul) Josef Kastein. Sabbatai Zewi: Der Messias von Ismir. Mit 12 Kupferstichtafeln 385 S. geb. 10.— RM. Ernst Rowohlt Verlag, Berlin. 54X