Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1932)
- Article
- Zur Psychologie des Unglaubens
- Date
- 1932-02-01
- Page
- 535 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Psychologie des Unglaubens zu lassen. Dieser Unglaube verhält sich zentripetal zum Glauben. Seine zweite Eigentümlichkeit ist es, daß er kein einmaliges Geschehen ist, sondern in periodischer Wiederkehr den im Glauben Stehenden heimsucht Man kann gerade von ihm sagen, daß er diejenige Form von Unglauben ist, die jeder Mensch, in welchem Denk- oder Glaubensbereich er auch verwurzelt sein mag, im Auf und Ab seines Lebens und Schaffens kennen lernt, die er, wie sehr er sich auch sträuben mag, erleiden muß, weil sie unentrinnbar ist. Unterschiede sind bei den verschiedenen Menschen nur insofern vorhanden, als der eine länger und intensiver in dieser Periode, die übrigens keine zeitlich bestimmbare ist, festgehalten wird als ein anderer. Um Beispiele zu nennen: Propheten (Jeremias), große Erfinder, Politiker, ja fast alle wirklichen Führer der Menschheit haben solche Perioden gläubigen Unglaubens aufzuweisen. Der Zweifel kommt über sie, ihr Mut sinkt, der Blick, bisher klar und weitgehend, verschleiert sich, ohne Sicht fühlen sie sich plötzlich zur Untätigkeit verdammt. Aber bei alledem bleibt der Glaube an Idee und Werk unerschüttert. Ganz tief innen und weit zurückgedrängt spüren sie eine Gewißheit, ein Getragensem, das nicht absolut in den Unglauben versinken läßt, wie er sich gerade aufgedrängt hat, und zwar aus ebenso rätselhaften Gründen, aus denen jene Gewißheit erhalten bleibt. Klassisch ausgeprägt findet sich der gläubige Unglaube bei den Mystikern aller Zeiten und Zonen. Hier ist kein Zweifel, daß sie sozusagen grundsätzlich gläubig sind und gläubig in allen Schwankungen bleiben. Sie sprechen von diesen Zeiten unfreiwilliger Schwankungen ihres Frömmigkeitslebens als von Dürre, Gottleere, Erstorbenheit usw. In allen Schilderungen dieser Perioden der Gottverlassenheit kann der feinsichtige Blick wiederum bemerken, daß der vom Unglauben Gequälte zuinnerst die Gewißheit birgt, dennoch in Gott zu leben. Zwar deutet der ungläubige Gläubige nicht selten seinen Zustand als Gericht Gottes, als Prüfungszeit, als Entziehung menschlicher Heilsgewißheit, aber er erlebt dieses alles doch als ein Wirken Gottes an und mit sich'. VI. Der ichgebundene Unglaube Während ein derart Ungläubiger durch irgendeine Form von Seelsorge, durch Zuspruch, gemeinsame Glaubensvertiefung in Gespräch, Betrachtung und Gebet subjektive Tröstung erfährt, hat es in der psychotherapeutischen Seelenführung der Arzt mit einem ichgebundenen Unglauben, der von etwas anderer Struktur ist, zu tun. Unglauben ist hier auch das Gefühl, von allen 535