Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1932)
- Article
- Zur Psychologie des Unglaubens
- Date
- 1932-02-01
- Page
- 531 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895499-2895506-2902033--05582-2902124- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zur Psychologie des Unglaubens die durchaus begreifliche Gegnerschaft stark bis zum Haß empfunden, aber an die eigentümlichen Wurzeln dieses Unglaubens und das heißt immer auch dieses neuen Glaubens — ob überirdisch bezogen oder irdisch, spielt zunächst keine Rolle — ist dabei in keiner Weise gedacht. Und diese Wurzeln sind da. Wrären sie es nicht, woher sollte dann die ungeheure Kraft kommen, mit der dieser atheistische Unglaube Altes zerstört, um Neuem Platz zu schaffen? Aus dem absolut Bösen? Gut, das mag eine echte Antwort aus dem eigenen Glauben sein, aber in unserm Zusammenhang ist sie nichts als eine Behauptung, die uns nicht weiter kommen läßt in der Untersuchung des Wurzelbodens. Wollen wir unserer Aufgabe genügen, so müssen wir feinhöriger sein für die Herztöne des atheistischen Unglaubens, wie er ja nicht erstmalig das heutige Rußland erfüllt, sondern wie er vor allem ragende Einzelpersönlichkeiten in der Geschichte des menschlichen Geistes charakterisiert. So etwa Nietzsche. Nietzsche, verachtet und bekämpft als Gottesleugner, als Verfasser des Antichrist, war allerdings Atheist im Sinn seiner Gegner, also derer, die für ihren Glauben eintraten, weil sie ihn gefährdet sahen. Aber er war außerdem wenn nicht Prophet so doch Prediger, der sich mit einer bestimmten Botschaft an eine noch unsichtbare Gemeinde wandte, der also ein Positives zu geben hatte, obwohl er gleichzeitig „mit dem Hammer philosophierte", die alten Tafeln zertrümmerte und ausrief, daß der alte Gott tot sei. Also auch hier Zerstörung, Zertrümmerung des Gültigen, Festgefügten, aber Zertrümmerung um eines neuen Glaubens willen. Hier liegt das für unsere Betrachtung Entscheidende. Hieße es bei Nietzsche ausschließlich „contra", „contra Christus", so wäre sein atheistischer Unglaube kein Glaube, sondern lediglich Zerstörung alter, ihm verhaßter Werte gewesen. Nun heißt es aber stets bei Nietzsche;: Wert gegen Wert, z. B. Dionysos contra Christus, also Glaube gegen Glaube. Sein atheistischer Unglaube ist demnach nur das Mittel und die Form, mit denen er dem neuen Glauben Bahn und Raum schaffen möchte. Er ist nicht Selbstzweck, Ziel und Ende, sondern Weg zu neuem Anfang, der erkämpft werden muß gegen einen Glauben, den er nicht mehr glauben kann, den er nicht mehr glauben darf, weil ihn seine Sendung, sein Werterlebnis dazu verpflichtet. Das Beispiel Nietzsches zeigt, daß es sich lohnt, dem Unglauben an seinen Wurzeln zu begegnen. Denn wir stoßen dabei auf das Problem der verschiedenen Werterlebnisse, die zum Glauben rufen und verpflichten. Dies aber führt uns in eine Tiefe, wo billige Antworten verstummen müssen vor der ungeheuren Frage, ob hier nicht letztlich Gott gegen Gott steht und das gespannte, 53t 34*