Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1932)
- Article
- Im Gegenwärtigen Vergangnes
- Date
- 1932-02-01
- Page
- 468 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Robert Arnold Fritzsche solches zu erfahren. Wir haben dafür ein unanfechtbares Zeugnis. Die Schlußverse der „Zueignung" zum „Faust": „Was ich besitze seh' ich wie im Weiten, Und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten" dichtete er achtundvierzigjährig (1797)- Es wird also schon richtig sein, daß jene „in Eins Empfindung" ihm von je vertraut, und daß sie poetisch ertragreich war. Wie bei Menschen beträchtlicher Maße bis ins höchste Alter jugendliche Triebe und Züge vorhalten, so zeigt sich wohl auch in ihrer Jugend mancherlei, das bei uns anderen erst späterhin zutage tritt. Goethe war sich der „in Eins Empfindung" von Vergangenheit und Gegenwart bewußt. Bewußt fühlen, denken und handeln wir, soweit wir der unser Fühlen. Denken und Handeln bestimmenden Kräfte und erfüllenden Inhalte gewahr und mächtig sind. Reine Bewußtheit stellt sich in keinem Sterblichen ständig ein, aber es findet sich auch kein nur unbewußt dahinlebendes menschliches Wesen. Zwischen den beiden Polen lagert Dämmerung, hier dichter, dort loser gefügt. „Vergangenes im Gegenwärtigen" aber wird in jedem, wie schwach, wie stark auch immer, stetig wirksam sein, denn auf der Mneme, auf dem Gedächtnis beruht der Zusammenhang und damit der Bestand der Person. Die Person müßte zerflattern, sobald sie länger als nur für Momente bloß Gegenwart wäre. Was heißt überhaupt Gegenwart? Goethe antwortet einmal: „Was jeder Tag will, sollst du fragen, Was jeder Tag will, wird er sagen"x), und er schiebt dabei das Vergangene entschlossen zur Seite („Mußt ums Vergangne dich nicht kümmern"), und doch nicht gänzlich: er nimmt ein andermal das „Gestern" und das „Morgen" hinzu, die allernächste Vergangenheit und die allernächste Zukunft: „Liegt dir Gestern klar und offen, Wirkst du heute kräftig frei, Kannst du auf ein Morgen hoffen, Das nicht minder glücklich sei." Der Tag, die Zeit zwischen Erwachen und Einschlafen, ist ein Abbild des Lebens zwischen Geburt und Sterben, und das 'singulos dies singulas vitas i) In der „Zahmen Xenie": , /Willst du dir ein gut Leben zimmern .. 46$