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Der Morgen · 1932-02-01 · Heft 6 (Februar 1932) · p. 467

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Journal
Der Morgen
Volume
7 (1931-1932)
Issue
Heft 6 (Februar 1932)
Article
Im Gegenwärtigen Vergangnes
Date
1932-02-01
Page
467 (sequence 1)
Language
German
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„Im Gegenwärtigen Vergangnes" Von Robert Arnold Fritzsdie I. „Im 'Gegenwärtigen Vergangnes." So lautet die Überschrift des zwölften Gedichtes im ersten Buche des „Westöstlichen Divan". Es ist i8i4 entstanden. In demselben Jahre war der dritte Band von „Dichtung und Wahrheit" erschienen, und dort (Buch i4) lesen wir: „Ein Gefühl aber, das bei mir gewaltig überhand nahm und sich nicht wundersam genug äußern konnte, war die Empfindung der Vergangenheit und Gegenwart in Eins: eine Anschauung, die etwas Gespenstermäßiges in die Gegenwart brachte. Sie ist in vielen meiner größeren und kleineren Arbeiten ausgedrückt und wirkt im Gedicht immer wohltätig, ob sie gleich im Augenblick, wo sie sich unmittelbar am Leben und im Leben selbst ausdrückte, Jedermann seltsam, unerklärlich, vielleicht unerfreulich scheinen mußte." Goethe erzählt das von seinem Zusammensein mit den Brüdern Jacobi vierzig Jahre zuvor (1774). Da sich ihm bei der Niederschrift die Erinnerung an die zeitliche Folge der Begebenheiten jener Rheinreise verwirrt, könnten wir fragen: Verlegt er nicht eine Alterserscheinung in die Jugendzeit? Denn gemeinhin erlebt man erst in höheren Jahren, was Zelter am 8. Mai 1808 an Goethe berichtet, daß nämlich „alles Einzelne, Gemeinte sich in unendlicher Ferne vor einen hinstellt und mit dem Gewesenen und Werdenden in eine Reihe tritt"!), oder was Goethe selbst in den „Wanderjahren" Buch 2, Kap. 7, Abschn. 26) aufzeichnet: „Wenn die Anmut einer herrlichen Gegend uns lindernd umgibt, wenn die Müde gefühlvoller Freunde auf uns einwirkt, so kommt etwas Eigenes über Geist und Sinn, das uns Vergangenes, Abwesendes traumartig zurückruft und das Gegenwärtige, als wäre es nur Erscheinung, geistermäßig entfernt." — Goethe brauchte aber kein Greis zu werden, um J) R. M. Rilke, nach Paris zurückgekehrt, schreibt am 3. Juni 1907 an seine Frau: .,AUes, was war, ordnet sich anders, tritt in Reihen, als ob jemand dastünde und befähle; und das Gegenwärtige ist mit aller Inständigkeit gegenwärtig, als läge es auf den Knien und betete für Dich." (Briefe a.d.J.iQoß bis 1907. Leipzig 1900. S.260.) 467

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