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Der Morgen · 1931-10-01 · Heft 4 (Oktober 1931) · p. 382

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Journal
Der Morgen
Volume
7 (1931-1932)
Issue
Heft 4 (Oktober 1931)
Article
[Rezension]
Date
1931-10-01
Page
382 (sequence 3)
Language
German
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Anzeigen zu zeigen, daß die Behandlung des Judentums nicht gerade ein Ruhmestitel für den Großen Brockhaus bildet. Eine Reihe anderer politischer, religiöser und kultureller Themen, so Indien, Irland, Islam, Italien, Japan, Jugoslavien, Kanada sind im gleichen Bande mit der gewohnten Gründlichkeit und Überparteilichkeit behandelt. Es scheint zum besonderen Mißgeschick der Juden zu gehören, daß ihnen nicht nur im Leben so übel mitgespielt wird, sondern daß sie auch vor dem Forum der Öffentlichkeit so selten zu ihrem Rechte gelangen. F. Perl es. StefanZweig: „H eilung durch den Geist" (Insel-Verlag, Leipzig 1981). Werdegang und Schicksal eines einzigen Gedankens, durch anderthalb Jahrhunderte verfolgt, umfaßt hier das Leben von nur drei Menschen. Zwei Männer und eine Frau stehen unter diesem Schicksal, hingegeben, besessen und endlich dies Schicksal meisternd. Franz Anton Mesmer wirft es von Wien nach Paris und wieder zurück, wirft es auf die Höhe von Glück, Ruhm und Geltung und wieder zurück in Vergessenheit. Schicksalsweg des Gedankens, Reife und Fassungskraft einer Zeit, Wehr der Wissenschaft und blinder Wille der Menge: das alles gestaltet auch eines forschenden Mannes Schicksal. Mesmers eigener Wille aber begegnet immer erneut der Verkennung, seine Lauterkeit immer wieder dem Zweifel, sein Charakter immer wieder übler Nachrede. Seine eigene Seele ist ohne Macht dem Gedanken gegenüber, von ihm beherrscht, ihm hingegeben. Nur Gefäß des Gedankens, bleibt Mesmer der Empfangende, auch wo er der Gebende ist, seine Biographie ist Biographie des Gedankens, sein Leben nur die Form, die das Leben dieses Gedankens faßt. Es ist unter den stürmenden Ideen der Zeit nicht die unfruchtbarste. Darum vermutlich, weil die „Heilung durch den Geist" kein bloßer Gedanke ist, sondern als er gedacht wird, schon erlebte Wirklichkeit. Daß es seelische Mittel gibt, körperlichem Leid zu wehren, vom Leiden am Körper zu erlösen, ist nicht erdacht worden, sondern von Mesmer erlebt. Zuerst mißverstand er die wirkende Kraft in den erstaunlichen Leistungen, die ihm gelangen, nannte sie Magnetismus, ahnte in ihr Elektrizität — beides der Zeit hoch Geheimnis — und wußte nicht, daß er viel mehr entdeckt hatte als nur neue Wirkungsmöglichkeiten von Kräften. Wußte nicht, daß Mesmerismus Suggestion ist, daß da Kräfte der Seele wirkten, daß die Heilung auf anderem, unvergleichlichem Wirkungsfeld vor sich ging. Franz Anton Mesmer ist der Träger des Gedankens der Heilung durch den Geist, aber nicht sein Vater. Unbewußt gelingt ihm, während er neuartige Heilmethoden anwendet, der Sprung in eine neue Psychologie. Der Gedanke ist größer als sein Träger, gestaltet das Leben dieses Menschen, in dessen Seele er Gestalt gewinnt, ohne in Schärfe in sein Bewußtsein zu kommen. MaryBaker-Eddy freilich, die ein dreiviertel Jahrhundert später das Thema Heilung durch den Geist jenseits des Ozeans in neuer Welt aufnimmt, — Mary Baker-Eddy weiß sehr bewußt, welche Gedanken sie den staunenden Schuhmachern, Farmern und Kleinbürgern der entlegensten amerikanischen Provinz offenbart. Auch sie ist besessen, aber nicht der Gedanke besitzt sie, sondern der Gedanke ist ihr Besitz. Und dieser Besitz ist, wie sie beweist, drei Millionen Dollar wert. Es ist zweifellos der bedeutendste Teil dieses Buches, ein Meisterstück Zweigs, dieses Mittelstück des Triptychons, das Leben und Lehre, Gestalt und Schicksal einer armseligen, von Krankheit und Armut geschlagenen Frau schildert, die bis zur Heiligen aufstieg, der Kirchen geweiht wurden und an die Hunderttausende glaubten. Es ist keine Biographie des Gedankens mehr; das Leben, das hier beschrieben wird, ist beherrscht von dem dämonischen Geltungswillen einer Persönlichkeit von der unbeugsamen Stärke und Starrheit eines unvergleichlichen Charakters. Nicht, daß der Gedanke gültig ist, daß er geglaubt wird: das ist die Tat der Mary Baker-Eddy. Christian Science, Wissenschaft von der Heilung ,Jby mind', verzichtet (anders als Mesmer) auf Anerkennung von jeder anderen Form von Wissenschaft. Diese Lehre allein ist die geoffenbarte, sie allein die erlösende. Die Form des Glaubens, die der Gedanke hier annimmt, ist bizarr und bigott, seine Verwirklichung wird erlernbare Technik, Spekulation auf Gläubigkeit, Gutgläubigkeit, Urteilslosigkeit, Dummheit der Menge — richtige Spekulation, wie es sich zeigt. Aber es ist eine Form des Glaubens; das nicht von der Christian Science entdeckte credo quia absurdum beweist erneut seine Gültigkeit: es 382

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