Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1931)
- Article
- Liebe und Tod im Werk R. M. Rilkes
- Date
- 1931-10-01
- Page
- 319 (sequence 5)
- Language
- German
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Liebe und Tod im Werk R. M. Rilkes wandeln in „o unendlich — in uns!" Die Erde, sagt Rilke, will unsichtbar in uns erstehen. Verwandlung ist ihr Geheiß. Und er sieht darin nicht nur Sache des Dichters, der Auftrag gilt allen. Was die Welt jedem zuträgt ah Schicksal, an Greifbarkeiten des Tages, soll er verwandeln, aus der äußeren Schau in die innere rücken, umsetzen in seelenhafte Realität; „denn unsere Aufgabe ist es, diese vorläufige, hinfällige Erde uns so tief, so leidend und leidenschaftlich einzuprägen, daß ihr Wesen in uns ,unsichtbar' wieder aufersteht. Wir sind die Bienen des Unsichtbaren: nous butinons eperdument le miel du visible, pour l'accumuler dans la grande ruche d'or de l'Invisible... Wir sind die Verwandter der Erde, unser ganzes Dasein, die Flügel und Stürze unserer Liebe,, alles befähigt uns zu dieser Aufgabe (neben der keine andere, wesentlich, besteht)." Neben der keine andere, wesentlich, besteht! Rilke haßte den Zeitgeist, den Amerikanismus, der alles Wesenhafte erstickt. Er haßte die Zeit, wo die Feuer nur in Dampfkesseln brennen, nicht mehr auf Altären. Das Wichtigste, Liebe, Schmerz, Tod Hegt verdorrt. Das Leben läuft im Geächz der Maschinen leer. Wohl fühlen es manche, aber sie wissen es nicht zu gestalten. Nichts wird ihnen wirklich. Daran trägt freilich nicht nur die Zeit schuld. Der Grund liegt tiefer: in der menschlichen Art. Wir kennen vom Leben nur, was es von außen her formt. Nicht „den Kontur des Fühlens", nicht das Sein selbst. Nur den Liebenden glückt noch wirkliches Leben, ein Bruchstück, ein schmaler Anfang. Liebe und Tod sind die Schlüssel zum Sein; sie lehren, den Kern des Daseins, das Unsichtbare, begreifen; sie öffnen das Leben. Umgekehrt fällt von diesem aus auf den richtigen Tod und die richtige Liebe Licht: das Gebot der Verwandlung. Während Rilke nun aber seinem Wesen gemäß mit dem Tode vertraut wird, bleibt er der Liebe, dem Gegenpol, fremder. Hier drängt sich zu mächtig das Blut, der Körper, sein Widersacher mit ein. Es ist seltsam, wie er, der Verwandlung meinte, hier abgrenzt; wie er letztlich das Sinn-! liehe, das Irdischste, ausschließt. Nur Krug und Weinblatt, Beere und Baum,. Säule, Tor — nicht das Blut. Den Zwiespalt, den das ergab, zeigt sein „Requiem für eine Freundin". Sie ist als schon innerlich reife Frau im Kindbett gestorben. Das gibt ihm Anlaß zu erschütternder Klage. Denn sie, die das Leben schon richtig zu fassen, das Irdische zu verwandeln begann, ließ sich dennoch in den niederen Blutkreis zurückziehen; die schon ihren eigenen Tod reifte, überließ sich dem frem- 319