Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1931-08-01 · Heft 3 (August 1931) · p. 302

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
7 (1931-1932)
Issue
Heft 3 (August 1931)
Article
Der Fall Harlan
Date
1931-08-01
Page
302 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895499-2895503-2901648--05280-2901762
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Julius Bab: „Der Fall Harlan" Glauben bei seiner Leichenfeier sprechen sollte, so habe ich an seinem Sarge nach den Worten Lessings zitiert: „Denn eben was mich Dir zum Christen macht, Das macht Dich mir zum Juden." — — — Ich denke, es gibt nicht viele Männer im heutigen Deutschland, von denen man aus einem so klaren, bis ins letzte zu durchleuchtenden Grunde behaupten kann, daß sie ganz gewiß keine Antisemiten waren! Walter Harlan hat in seiner letzten Rede noch mit Grund erwähnt, daß Arthur Dinter, der berüchtigte Judenfresser, der einmal Geschäftsführer des Verbandes Deutschen Bühnenschriftseller war, bei seinem bereits aus antisemitischen Gründen erfolgendem Abgang, gerade das Vorstandsmitglied Walter Harlan auf Säbel gefordert hat, weil er in ihm einen besonderen Feind seiner Gesinnung sah. Sicherlich mit Recht! Und für diesen Mann ist nun, gewiß nicht Grund, aber Anlaß seines Todes der Anwurf des Antisemitismus geworden! Kann es eine stärkere Mahnung für alle geben, trotz aller Reizung, die Judenhaß heute ausübt, Verstand und niemals ohne die allervorsichtigste Prü- Gerechtigkeit zu bewahren und fung einem sachlichen Gegner antisemitische Motive unterzuschieben!? Es gibt aus der Zeit, in der Harlan schon mit antisemitischen Verdächtigungen zu kämpfen hatte, noch eine Anekdote, die das Prinzipielle des Falles besonders stark beleuchtet. In jenem Kampf um die Aufnahme des „Deutschen Schriftstellerverbandes" in den „Reichsverband", der für Harlan ein Kampf um Gerechtigkeit war, hat Harlan einmal dem Gegner, der eine abweichende Meinung konstatierte, entgegengeworfen: „Das ist nicht Sache der Meinung, sondern des Glaubens!" Und aus diesem Wort hat ein von den Schlagworten des Tages verbildetes Gehör konfessionelle Anmaßung vernommen, den antisemitischen Hochmut, mit dem ein Christ die Gleichberechtigung jüdischer Stellungnahme verwirft! Wer Harlan kannte, wirklich kannte, muß für dies groteske Mißverständnis ein schmerzliches Lächeln haben. Harlans Glaube hatte mit gar keiner Konfession irgend etwas zu tun. Aber es war allerdings seine innerste Ueberzeugung, daß in dem wahrhaft lebendigen Menschen gewisse sittliche Grundforderungen mit religiöser Kraft jenseits alles bloß vernünftigen Meinens auftreten. Es ist schlimm, daß auch unter den Intellektuellen, jüdischen und nichtjüdischen, heute so viele sind, die dies reine und große Wort des Glaubens nicht verstehen, weil der Streit der Konfessionen, wenn nicht gar der Rasse, für sie das Erste und Selbstverständlichste in der Welt ist. Und doch haben wir gar keine Aussicht, der giftigen Luft des Antisemitismus je wieder zu entkommen, wenn wir nicht überall die Empfänglichkeit wecken und fördern für jenen Glauben, der im Kern aller Konfessionen lebt und der alles Scheidende der Menschheit einmal überwinden soll. 302

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.