Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 3 (August 1931)
- Article
- Die kommende Generation
- Date
- 1931-08-01
- Page
- 273 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895499-2895503-2901644--05247-2901733- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die kommende Generation Jungen, unter Waffen stand; und nicht 1918, in jenem November, in dem das Alte zusammenbrach, ohne daß Junge da waren, um das Neue mit ihrem Geiste zu erfüllen. Sondern der Generationswandel trat 1924 ein, als offenbar wurde, daß das Bürgertum vernichtet war. Denn das Entscheidende in der Wesenheit des Bürgers, die Sicherheit, die ihm Geld und Besitz, Erwerb und Stellung gaben, war nach der Flut des Krieges und der Inflation verschwunden. Das aber ist das gemeinsame Erlebnis der deutschen bürgerlichen Jugend, das ihren Wandel erzwingt: sie gewahrt in diesen Jahren seit 1924 mit schonungsloser Klarheit, daß die Häuser ihrer Väter, die diese auf Granit gebaut wähnten, in Wirklichkeit auf Schlamm gebaut waren; daß sie im Begriffe waren, einzustürzen; ja, daß sie bereits eingestürzt waren. Sie sieht aber auch die geistige Basis wanken, sieht Unruhe und Verzweiflung statt behäbiger Sicherheit Zerfall der wirtschaftlichen Grundlagen, Zerfall der geistigen Grundlagen des bürgerlichen Menschen, Zerfall der bürgerlichen Existenz in ihrem gesamten Umfang! Die Söhne aber drängt das gemeinsame Erlebnis des Zusammenbruchs des Bürgertums zur gemeinsamen Haltung: zur Negierung der bisherigen bürgerlichen Existenz und Art und zur Bejahung neuer heraufziehender Gestaltungen. Denn es ist nicht nur, daß der Sohn die Existenz seines Vaters zerbrechen; sieht, Zeuge ist, wie unter ängstlicher, mühsamer Wahrung des überkommenen Lebensstandards sich Not, Hunger und Leere verbergen. Es ist auch an ihm Not und, was schlimmer ist, Hoffnungslosigkeit Was soll aus ihm werden? Was soll aus ihnen allen werden, den Bürgersöhnen? Sie empfinden das Nichts als ihr gemeinsames Schicksal, Schicksal ihrer Generation. Diese gemeinsame Haltung äußert sich im jüdischen und im nicht jüdischen Menschenkreis ähnlich, aber doch anders. Beide treten aus der Isolierung heraus, in der sie, getreu der individualistischen Überlieferung ihrer Elternhäuser, aufgewachsen waren. Beide suchen nicht nur Antworten auf ihre Fragen: Theorien, sondern auch Wege ins Freie: Taten. Beide suchen zu großen Kollektiven zu stoßen. Sie formen die Bataillone, die, wohin sie auch marschieren, alle im gleichen, herzerregenden, betörenden Gleichschritt dahindröhnen. Aber während der nichtjüdische junge Mensch aus dem Bürgerhaus sich den Männern anschließt, die seinen ehrlichen Glauben an ein Neues in das haßerfüllte Zerrbild des Dritten Reiches umfälschen, in dem ihm, dem Enterbten, eine neue soziale Gerechtigkeit garantiert ist — freilich eine Gerechtigkeit nur für ihn, 18 273