Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1931-08-01 · Heft 3 (August 1931) · p. 271

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
7 (1931-1932)
Issue
Heft 3 (August 1931)
Article
Die kommende Generation
Date
1931-08-01
Page
271 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895499-2895503-2901644--05245-2901731
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ernst Holzer: Die kommende Generation Einzelne bekennen kann. Oder auch nicht kann. So führt von dem Täufling Heine, der sich das Entreebület in die deutsche Kultur mit der Taufe erkauft, bis zu dem unbekannten Juden, der eine Mischehe eingeht, Eine große Linie: Beide waren aus der gefühls- und verstandesmäßigen Gebundenheit der alle umschließenden Kehilloh hinausgetreten in die Ungebundenheit eines zu nichts verpflichteten Einzellebens. Da Geist aber schwächer ist als Blut, Hirn weniger begeisterungsfähig, aber auch weniger ausdauernd, weniger treu als Herz, fallen sie ab. Der Mensch ist ein uöov notixiy.ov, «in geselliges Wesen. Es gehört ein Jeder mannigfachen Verbänden an, beruflichen, politischen, kulturellen. Es kommt vor, daß die dynamische Kraft des einen Verbandes, die ihn umfangen hat, nachläßt, schwächer wird, so daß er ihre Umschlingung abstreift Dann aber wird er sich an andere Kollektiven anschließen, damit er nicht einsam bleibt. Die Aufgabe jeder Menschengruppe, was auch immer ihr Wesen und ihr Ziel ist, ist somit eine doppelte: für ihre Sache und auf ihre Menschen zu wirken, das Ziel in seiner Vollendung und die Menschen in ihren letzten Bezirken zu erreichen. Dann wird gedachte Organisation zu lebendiger Gemeinschaft. Die jüdische Gemeinschaft1) hätte es leicht gehabt, diese Wirksamkeit zu entfalten. Sie hatte es mit Menschen zu tun, die ein natürlicher Trieb stets wieder Wärme und Schutz bei der jüdischen Mutter suchen ließ, wenn sie nur bei ihr die Geborgenheit des alle Familienglieder beheimatenden Hauses finden konnten. Wo sie diese getragene, gemütvolle, ruhige Heimatluft suchten, fanden sie aber nur eine hastende, verstandeskühle, diskutierende Atmosphäre: das blutvolle, körperliche Sein der Gemeinschaft war tot, nun mußte das geistige Bewußtsein des Individuums gelebt werden. Solange die Gemeinschaft, im Ghetto, ihr körperliches Leben führte, gab es eine Einheit von Leben und Judentum. Alles Leben, aller Ausdruck des Lebens, alle Dinge, Ereignisse, Entwicklungen im Leben waren jüdisch. So war auch alles Jüdische lebendig, weil auf das Leben bezogen und gerichtet Diese Einheit schwindet in dem Augenblick, in dem sich das Judentum entkörperlicht und sich statt dessen vergeistigt Nunmehr ist Judentum nur noch ein Bezirk, *) Es wird hier eine Darstellung deutsch-jüdischer Situation gegeben. Die Entwicklung in anderen Teilen der Weltjudenheit verläuft ähnlich. Insbesondere sind die Dinge zweifellos in Osteuropa und vielleicht auch in Amerika, also in beiden Zentren heutiger jüdischer Siedelung, ähnlich gelagert. Doch soll darauf hier nur hingewiesen werden. 27 t

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.