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Der Morgen · 1931-06-01 · Heft 2 (Juni 1931) · p. 197

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Journal
Der Morgen
Volume
7 (1931-1932)
Issue
Heft 2 (Juni 1931)
Article
Weltgeschichte und jüdische Geschichte
Date
1931-06-01
Page
197 (sequence 7)
Language
German
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Weltgeschichte und jüdische Geschichte warum es nie wieder so sein darf. Wann wird der Meister des Wortes kommen, der uns deutet, was vor unseren Augen liegt, der es ausspricht, was wir undeutlich als das Bedürfnis der Stunde spüren? Vorliegende Zeilen standen bereits im Satz, als Band I der Propyläen-Weltgeschichte „Das Erwachen der Menschheit" erschien. Aufmerksames Studium auch des ersten Bandes dieses Sammelwerks bestätigt, was schon am siebenten Band, mit dem die Reihe einsetzte, angemerkt Avorden ist. Prof. Walter Goetz, der als Herausgeber zeichnet, nennt „eine Geschichte der menschlichen Kultur" das Ziel des Unternehmens. Prof. Hans Freyer leitet mit einer Abhandlung über die „Systeme der weltgeschichtlichen Betrachtung" ein, die, von bloßer Chronikenschreibung ausgehend, schließlich in dem Ziel gipfelt, „daß die Gegenwart sich selbst und ihre geschichtlichen Aufgaben begreife". Friedrich Hertz' Beitrag „Rasse und Geschichte" grenzt sich gegen neuzeitliche Theorien ab, „die alle Kultur als Schöpfung einer Edelrasse ansehen, der gegenüber die anderen Rassen als minderwertig erscheinen". Die Ablehnung „ideologischer Rechtfertigungen", die der „nationalistische Machtwille" sich gibt, verführt ihn jedoch nicht dazu, die geistige Eigenart der Völker und ihrer geschichtlichen Leistungen zu verkennen. Ein weiterer einleitender Aufsatz „Boden und Geschichte" aus der Feder von Prof. Walter Vogel führt hinüber zur Geschichte Ostasiens (Prof. F. E. A. Krause), Ägyptens (Georg Steindorff) und des Vorderen Orients (Rudolf Kittel). Hier ist mannigfache Gelegenheit, die in der Einleitung gewonnenen Grundsätze dem Leser angesichts einer Geschichte zu veranschaulichen, die ihm räumlich, zeitlich und auch rassenmäßig gleich fern liegen muß. Prof. Krause beschränkt sich unter Verweis auf ein früheres Werk (was hier grundsätzlich unstatthaft erscheint) auf die trockene Chronologie chinesischer und japanischer Kaiserdynastien. Um so plastischer zeichnen Steindorff und Kittel Volkscharaktere und Temperamente von Königen, Gesetzgebern, Dichtern und Propheten im Nil- und Zweistromland, in Kleinasien und Palästina. Kittels Darstellung selbst scheint uns getragen von dem „sieghaften Idealismus religiösen Denkens", den ein Jesaja verkündet hat und „der oft in der Geschichte, auch in verzweifelten Lagen mehr wert war, als der scheinbar nüchterne Realismus der Alltagspolitik. Jesajas Stellung, fährt Kittel fort, ist bis heute ein lebendiger Protest gegen die vielfach üblich gewordene Ausschaltung der letzten religiösen und sittlichen Mächte und Kräfte aus dem politischen Denken der Völker." Mögen die Machtkämpfe, die Rechtssatzungen, Glaubensvorstellungen und Gebräuche vergangener Zeiten und ferner Länder uns manchmal fremd und vielfach leer erscheinen, — ein Band verknüpft uns wieder mit ihnen, eine Brücke schlägt seelisches Verständnis: die Kunst. Form und Farbe sind Ausdrücke einer Sprache, die alle Zeiten und alle Völker verstehen können. Die Wandmalereien der Zwischeneiszeit-Höhlen, chinesische Tuschzeichnungen, ägyptische Plastik und babylonische Edelmetall-Schmiedekunst reden zu uns und künden uns, nun ganz ins Seelische abgewandelt, das moralische Postulat der Propheten: „Sind wir nicht alle Brüder? Sind wir nicht alle Kinder eines Vaters?" 197

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