Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1931)
- Article
- Weltgeschichte und jüdische Geschichte
- Date
- 1931-06-01
- Page
- 195 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Weltgeschichte und jüdische Geschichte pyläen-Weltgeschichte ebenfalls —, so scheint es so zu sein. Für Walzel ist das nicht ausdrücklich in sein Thema fallende „Vorleben" der Rahel, Börnes und Heines keineswegs problematisch. Herkner erwägt wenigstens, daß Marx' Vater „vielleicht" (!) den Glauben gewechselt habe, „um auch äußerlich von der jüdischen Bevölkerung, die ihrer wucherischen Geschäfte halber im Rheinland verhaßt war, abzurücken". Bei Walther Rathenau, der allerdings in einem späteren Bande ausführlich zu würdigen sein wird, fällt Herkner eine — „wahrscheinlich unbewußte" — geistige Verwandtschaft mit dem St. Simonismus auf. Besteht vielleicht auch eine „Verwandtschaft" mit dem Geiste der biblischen Sozialethik? Disraelis sozialkritische Romane stellt Herkner ohne unterscheidende Charakterisierung in eine Reihe mit der Armen-Literatur Dickens' und Kingsleys. Obwohl Disraeli selber den eigenen alttestamentarisch - patriarchalischen Charakter seiner Sozialvisionen so eindringlich formuliert hat, daß nicht einmal die Wissenschaft ihn übersehen konnte; Cazamian („Le Roman social en Angleterre"), der auch von der deutschen Sozialwissenschaft allgemein gekannt ist, spricht jedenfalls ausführlich davon. Im ganzen ist es eben noch immer vom Spürsinn und der Intuition des einzelnen Forschers abhängig, ob ihm die jüdische Besonderheit eines Einzelnen oder einer ganzen Schicht aufgeht. Hermann Oncken hat sich so in die frühe Jugend Lassalles vertieft, — ohne daß doch im Verlaufe seiner Schilderung Lassalles Judentum irgendwie organisch durchdränge. Lichtenberger ist der nervösen Konstitution des Juden Heinrich Heine auf der Spur. Lytton Strachey macht intuitiv feine Bemerkungen über den jüdischen Leibarzt der Elisabeth und den Kanzler der Victoria. Geniale, wenn auch nicht unbestrittene soziologische Definitionen finden sich bei Max Weber, vereinzelte bei dem Soziologen SimmeL Den christlichen Gelehrten ist aus diesem lückenhaften Wissen so lange kein Vorwurf zu machen, als es keine jüdische Forschimg gibt, die den jüdischen Anteil an der Gestaltung der abendländischen Welt klar herausgearbeitet hätte. Der jüdische Gelehrte, psychologisch stets auf die Verteidigung seiner staatsbürgerlichen Position eingestellt, bekannte sich prinzipiell zu dem durch die Emanzipationsgesetzgebung verlangten Individualismus. Für ihn gab es, wie noch zur Aufklärungszeit, nur bewußte Einzelwillen. Wer das jüdische Bekenntnis abgestreift hatte, war kein Jude mehr. Soziale Gruppen mußten staatlich erfaßbar, der Einzelwille programmatisch bewußt sein. Das Reich unterhalb des Bewußtseins war noch nicht entdeckt. Georg Brandes, der einiges, wenn auch nichts Endgültiges über die „Juden" Disraeli und Heine zu sagen wußte, galt als nicht „zünftiger" Außenseiter. Die individualistische Einstellung des jüdischen Wissenschaftlers wich erst unter der mehr unbewußten als deutlich erkannten Einwirkung zweier geistiger Elementarereignisse, der jüdischen Renaissancebewegung sowie der Lehre Freuds und Adlers. Die politische Zielsetzung des Zionismus ist hier nicht von Belang. Die jüdische Renaissancebewegung hat jedoch, sogar dann, wenn sie mit Gründen bekämpft wurde, dem einzelnen Juden wieder das Gefühl dafür gegeben, daß er einer eigentümlichen Gruppe ange- 195