Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 1 (April 1931)
- Article
- Das bunte Kleid
- Date
- 1931-04-01
- Page
- 14 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Thomas Mann Henkelkrüge aus Kalkstein standen auf dem flachen Deckel einer Truhe aus Sykomoren-Holz, deren Wände mit blau glasierten Toneinlagen geschmückt waren. Der Deckel einer anderen geschnitzten und beschriebenen Truhe auf hohen Beinen dagegen war gewölbt Es fehlte nicht an einem glühenden Kohlenbecken im Winkel, da Jaakob zum Frösteln neigte. Stuhlhocker waren vorhanden, dienten aber selten zum Sitzen, sondern vielmehr zum Ab-, stellen von Gebrauchsdingen: Ein kleiner Räucherturm stand auf einem, aus dessen fensterartigen Öffnungen feine, nach Zimmet, Styrax-Gummi und Galbanum duftende Rauchwolken hervorkräuselten; ein anderer trug einen Gegenstand, der von der Wohlhabenheit des Besitzers zeugte: ein wertvolles! kunstgewerbliches Stück phönizischer Herkunft, golden, eine flache Schale auf zierlichem Untergestell, das dort, wo man es mit der Hand anfaßte, eine musizierende Frauenfigur zeigte. Jaakob selbst saß mit Joseph in der Nähe des Eingangs auf Polstern an einem niedrigen Taburett, auf dessen gravierter Bronzeplatte das Brettspiel aufgeschlagen war. Er hatte den Sohn zu diesem Zeitvertreib, bei dem früher Rahel seine Gegenspielerin gewesen war, zu sich gerufen. Draußen rauschte auf Ölbäume, Busch und Stein der Regen nieder, der nach Gottes Gnade dem Korn des Tales die Feuchtigkeit verlieh, die es brauchte, um die Sonne defs Frühsommers bis zum Schnitt zu ertragen. Der Wind klapperte leicht mit den Holzringen am Zelttuch, an denen die Spannseile befestigt waren. Joseph ließ den Vater im Spiele gewinnen. Er war absichtlich ins Feld „Böser Blick" geraten und dadurch so in Rückstand und Nachteil gekommen, daß Jaakob zu seiner angenehmen Überraschung — denn er hatte mit großer Unaufmerksamkeit gespielt —, ihn schließlich schlug. Er gestand seine Zerstreutheit ein, und daß das Glück mehr Anteil an diesem Ende gehabt habe, als sein Scharfsinn. „Wärest du nicht so zeitig zu Fall gekommen, Kind," sagte er, „so hätte ich notwendig unterliegen müssen, denn meine Gedanken schweiften ab, und ich habe zweifellos schwere Fehler begangen, du aber hast sinnreich gezogen und nichts versäumt, dein Mißgeschick wieder gut zu machen. Deine Art zu spielen erinnert sehr an Mamis, die mich so oft in die Enge trieb. Sowohl ihre Art, beim Nachdenken den kleinen Finger zu beißen wie auch gewisse Listen und Kunstgriffe, die sie liebte, erkenne ich zu meiner Rührung bei dir wieder." „Was hilft's?" antwortete Joseph und reckte sich, indem er den Kopf 14