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Der Morgen · 1931-04-01 · Heft 1 (April 1931) · p. 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
7 (1931-1932)
Issue
Heft 1 (April 1931)
Article
Das bunte Kleid
Date
1931-04-01
Page
12 (sequence 1)
Language
German
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Das bunte Kleid Von Thomas Mann Nicht, wie vorgesehen, zu den Erntearbeiten, sondern schon zur Nacht des Frühjahrsvollmonds kehrten die Lea-Söhne Hals über Kopf von den Weiden Schekems nach Hebron zurück. Sie kamen angeblich, um das Pesach-Schaf mit dem Vater zu essen und mit ihm den Mond zu beobachten, in Wirklichkeit aber, weil sie eine aufregende, alle Brüder nahe angehende Nachricht empfangen hatten, von deren Wahrheit sie sich unbedingt sofort an Ort und Stelle mit eigenen Augen überzeugen mußten, ob nun etwas daran zu ändern war oder nicht. Die Sache war dermaßen wichtig und erschreckend, daß die Söhne der Mägde nichts Eiligeres zu tun gehabt hatten, als einen der Ihren abzuordnen) und ihm die viertägige Reise von Hebron nach Schekem zuzumuten, nur damit er den Fernen die Kunde bringe. Selbstverständlich hatte man Naphtali, den Geläufigen, mit der Botschaft betraut. Im Grunde war es, die Schnelligkeit angehend, ganz gleichgültig, wer reiste. Auch Naphtali ritt zu Esel, und ob ein Paar langer oder kurzer Beine an den Seiten des Esels herunterhingen, machte genau genommen nichts aus: der Weg nahm jedenfalls ungefähr vier Tage in Anspruch. Aber Naphtali, Bilhas Sohn, war es nun einmal, mit dessen Person die Vorstellung der Geläufigkeit verbunden war; die Rolle des Boten war nach feststehender Übereinkunft die seine; und da auch seine Zunge geläufig war, so traf schon zu, daß wenigstens im letzten Augenblick die Brüder durch ihn den Sachverhalt etwas schneller erfahren würden, als durch einen anderen. Was war geschehen? Jaakob hatte dem Joseph ein Geschenk gemacht Das war nichts Neues. Dem „Lamm", dem „Reis", dem „Himmelsknaben", dem „Sohn der Jungfrau", oder wie die eigensinnig gefühlvollen väterlichen 12

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