Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1930)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1930-12-01
- Page
- 510 (sequence 3)
- Language
- German
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Anzeigen wird man nicht rechten, ihnen etwa advokatorisch die Schattenseiten jenes Zeitalters gegenüberstellen wollen; und niemand wird heute gar den Mut zu einem fortschrittsfrohen Optimismus aufbringen können. Aber man kann wohl sagen, daß die Überzeugung Rankes, daß jedes Zeitalter „unmittelbar zu Gott" ist, die im Grunde wohl auch die Schnabels ist, nicht entschieden, nicht lebhaft genug zum Ausdruck kommt. Ein Zug von Bangigkeit und vornehmer Trauer geht durch das ganze Werk. Es ist, als ob man auf jeder Stufe schon das Ende voraussähe; man vermißt jene heroische Haltung eines Max Weber, der erkannte und doch bejahte. Denkt man als Jude an Treitschkes Deutsche Geschichte, so wird man sich der schlimmen Wirkungen erinnern, die seine bösartigen antisemitischen Bemerkungen bei den akademisch Gebildeten hervorgerufen haben. Treitschke, „der Herold des neuen Kaiserreiches" hat, ein Typus seiner Zeit, die liberalen Gedanken, von denen er ausging, verraten zugunsten schrankenloser Machtanbetung und Staatsvergottung. Schnabel, der universaler denkt, ist dagegen gefeit. Zwei Sätze mögen seine Auffassung charakterisieren: „Die Romantiker glaubten, daß ihre Art dem «deutschen Gemüt» entstamme, sie lebten im Hochgefühle ihrer germanischen Abkunft, sie haben dadurch dem nationalen und dem geschichtlichen Denken wertvolle Antriebe gegeben, jedoch freilich auch die Rassentheorie späterer Zeit vorbereitet." — „Wenn aber dann diese Überzeugung (von der Weltsendung des Deutschtums) auf die dem 19. Jahrhundert eigene Weise materialisiert und also aus der Welt des Geistigen, in der allein sie von einer idealistisch gestimmten Zeit gedacht war, auf den sich festigenden Nationalstaat und auf die naturwissenschaftlich aufgefaßten Begriffe von Volkstum oder Rasse übertragen wurde, dann mußte hieraus allerdings eine nationale Selbstüberhebung entstehen, die das deutsche Wesen in seiner geistigen Eigenart völlig verkannte und doch an ihm die Welt genesen lassen wollte." Man darf gespannt sein, wie die folgenden Bände Antisemitismus und Judentum behandeln; es kommt dabei weniger auf Einzelurteile als auf die Gesamthaltung und deren Konsequenz an, und da läßt sich jetzt schon erkennen: gleichgültig ob map. Emanzipation und Liberalismus Befreiung oder Auflösung nennt, die These, daß die Juden „schuld sind", findet hier keinen Raum. Und man gewinnt die tröstende Bestätigung, daß bei einer gewissen Höhe der Betrachtung Antisemitismus unmöglich wird. Robert Elsasser. Aster, Ernst von: Die Psychoanalyse. Verlag: Volksverband der Bücherfreunde, Berlin. 2g5 S. Wenn auch die Psychoanalyse, wie ihr Schöpfer selbst in bescheidener Selbstbegrenzung nicht müde wird zu wiederholen, kein fertiges Gebäude, sondern ein immer noch werdendes ist, so gibt es doch heute schon eine Fülle unverlierbarer psychoanalytischer Einsichten und Erkenntnisse, die man beinahe schon klassisch nennen könnte. Dieser Eindruck der Klassizität wird in besonderem Maße durch die Darstellung in dem neuten Buche Asters erweckt, das in besonders schöner, klarer und abgerundeter Form die sonst so schwer übersehbare Fülle der psychoanalytischen Entdeckungen sichtet und ordnet. Da ziehen alle die bekannten Lehren der Psychoanalyse an uns vorüber; aber statt der schematischen Aneinanderreihung in den sonstigen Darstellungen der Psychoanalyse entfaltet sich hier ein Ganzes wie aus einem Guß. Man spürt die tiefe Berührtheit des Verfassers von den letzten alles tragenden Grundideen der Psychoanalyse in der Auffassung vom Menschen. Der Mensch ist hier nicht ein Bewußtsein-Ich, sondern das ganze lebende Wesen; mit allem, was an verborgenen Trieben und Leidenschaften in ihm schlummert. Das Bewußtsein ist nicht ein rätselhaftes Echo psychologischer Prozesse, sondern ein zum Leben selbst gehöriger Ausdruck und Kundgabe eben des Lebens. Das Bewußtsein ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem seelischen Ganzen. Dies ist ein weit umfassender Wirkungszusammenhang, in den das Bewußte mit nichtbewußten Tatbeständen eingeht. Diese unbewußten Zusammenhänge, die das bewußte Ich verleugnet, aufzudecken, ist die Aufgabe der psychoanalytischen Methode. In Fehlhandlungen, Träumen und in den Symptomen der Neurose drängt das Unbewußte in allerlei Verhüllungen ans Licht. Wir wenden den Blick von einem bestimmten Gedankenzusammenhang ab, verlegen ihm den Weg zu Worten und Äußerungen und zur adäquaten Gebärde, richten uns auf einen andern, aber unvermerkt 5t0