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Der Morgen · 1930-12-01 · Heft 5 (Dezember 1930) · p. 509

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Journal
Der Morgen
Volume
6 (1930-1931)
Issue
Heft 5 (Dezember 1930)
Article
[Rezension]
Date
1930-12-01
Page
509 (sequence 2)
Language
German
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Anzeigen eines Einzelnen nicht mehr aus. Aber das ist auch gar nicht nötig. Die gedruckten Quellen und die Literatur ermöglichen es dem, der einmal ad fontes gegangen ist, den großen Wurf Treitschkes wieder zu wagen, wenn er, wie Schnabel, dreierlei besitzt: umfassende Kenntnisse, Ideen, Stil. Schnabels Werk ist weniger eine Erzählung von Tatsachen als eine Darstellung und Deutung einer Kulturperiode. Darin liegt schon begründet, daß er sich nicht auf die politische und soziale Geschichte beschränkt. Er bemüht sich, „die innige Verflochtenheit aller Lebensgebiete" aufzuweisen. Er will „eine Biographie des europäischen und deutschen Menschen" geben. Zu diesem Zwecke wird die Geschichte des 19. Jahrhunderts durch eine umfangreiche Vorgeschichte eingeleitet und in einem ersten Buch wird Deutschland in den Zusammenhang der europäischen Geschichte gestellt. Schnabel hält nicht viel von der scheinbaren Objektivität vieler Historiker; er erlaubt sich, die hinter uns liegende Periode, — mit Vorsicht — zu werten. Welches ist nun, in wenigen Worten ausgedrückt, das Urteil, welches ist der geistesgeschichtliche Ort, von dem aus es gefällt wird? Soweit man nach dem ersten Bande urteilen darf, bedeutet ihm das 19. Jahrhundert einen Höllensturz der Kultur, den letzten Abschnitt des Weges vom Kosmos zum Chaos. Nicht anklagend oder pathetisch, nicht tendenziös vergrößernd oder rechthaberisch wird dies dargestellt, es ist die persönliche Haltung des Autors, die er unaufdringlich, aber offen zu erkennen gibt; ein Kulturpessimismus also, wie er wahrlich, nach allem, was wir erlebt, nur zu begreiflich ist. Von verschiedenen weltanschaulichen Auffassungen her wird heute an „die Moderne" eine Absage erteilt; am konsequentesten und wirkungsvollsten vom Boden des Katholizismus aus. Schnabel urteilt aus einer Einstellung heraus, wie sie ähnlich auch ein skeptischer Kulturkonservativer, ein Anhänger Spenglers, ein Mann des Georgekreises wird teilen können; die intimste Verwandtschaft aber besteht mit der katholischen Kulturphilosophie. Seine Deutsche Geschichte ist eines jener immer zahlreicher werdenden Werke, die den vollen Anschluß der katholischen Gedankenwelt an die moderne Wissenschaft dokumentieren. Gegenüber der Unrast und Zerrissenheit unserer Zeit erstrahlt in hellstem Lichte der metaphysische Geist des Mittelalters. Damals war die ganze Welt Gott zugeordnet, der Gedanke des ordo erfüllte Leben und Denken. Die Gebundenheit war keine Einförmigkeit; „germanischer und christlicher Geist schufen jene bunte und frohe, fromme und doch auch wieder recht derbe Welt der Zünfte, der Gilden, der Brüderschaften, jenen Reichtum der ritterlich-höfischen und dann der städtisch-bürgerlichen Kultur. — Aber Schnabel ist kein Romantiker oder Reaktionär. Er macht nicht die Technik, die Juden, die Revolution oder die Reformation für die Auflösung jener gotterfüllten Ordnung verantwortlich. Er weiß darum, daß jede Zeit ihr Eigenrecht hat, daß eine theokratische Staats- und Wirtschaftsauffassung wie die des Mittelalters nur in einem dünnbesiedelten Land und bei innerer Unselbständigkeit des Volkes möglich ist. Er weiß, daß jedes Zeitaller die Keime seiner Überwindung in sich trägt, und so führt er denn folgerichtig die Entstehung des modernen Freiheitsgedankens in das Mittelalter selbst zurück und sieht im Nominalismus den Anfang des unmetaphysischen, modernen, rationalistischen Denkens. Von hier aus wird verfolgt, wie im abendländischen Geistesleben der Autonomiegedanke, der Individualismus, der Rationalismus sich ausbreiten und immer mehr an Macht gewinnen, von den einen Fortschritt genannt, von den andern Auflösung. Schnabel selbst möchte als Historiker kein unbedingtes Urteil fällen. Er will kein volles Verdikt über diese Bewegung sprechen. Aber es bleibt doch beim Leser die Vorstellung, als ob alle diese Lebens- und Denkformen eigentlich nur ein Aufhalten auf dem Wege des Verfalles sind. Das eigentlich Richtige, das war doch jene Zeit, da ein Thomas von Aquino die Summe alles Wissens zog, jene complexio oppositorum, die gewaltige Zusammenwölbung aller Gegensätze des Lebens. Ja, in der besonders begnadeten Stunde des hohen Mittelalters seien nicht nur die Widersprüche des Denkens durch die Scholastik in Harmonie gebracht worden, sondern die societas perfecta habe den tatsächlichen Verhältnissen des Lebens in weitgehendem Maße und die Praxis der mittelalterlichen Politik habe zu Zeiten in hohem Grad der Forderung der christlichen Ethik entsprochen. Mit solchen Anschauungen 509

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