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Der Morgen · 1930-12-01 · Heft 5 (Dezember 1930) · p. 414

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Journal
Der Morgen
Volume
6 (1930-1931)
Issue
Heft 5 (Dezember 1930)
Article
Persönlichkeit oder Masse
Date
1930-12-01
Page
414 (sequence 4)
Language
German
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Heinrich Aull Der Krieg- und die Nachkriegszeit haben uns hierüber belehrt Das eigene Elend stumpft ab gegen das Schicksal anderer. Wer Not leidet, sucht den Vorteil für sich und belauert mißtrauisch den anderen, ob es diesem nicht besser ergehe. Der Grundsatz des „Lebenlassens" gilt nur für den, der selber auskömmlich zu leben hat. Dieser Notstand, dieser Zustand der Friedlosigkeit und der Spannung schafft einen günstigen Nährboden für politische und gesellschaftliche Strömungen, die nach ihrer Wesensart die Persönlichkeit und ihre Berechtigung verneinen und das Heil erblicken in neuen Formen der Gemeinschaft. Man kann es wohl verstehen, daß solche Strömungen sich Bahn brechen und ausbreiten. Die Durchschnittsüberzeugung hält die bestehenden Verhältnisse für unerträglich; man müht sich um den Ausweg und forscht nach Vorbildern, in denen sich neue Staats- und Gesellschaftsformen verwirklicht und bewährt haben. Wir können vornehmlich zwei Strebungen erkennen, die sich zwar gegenseitig bekämpfen, aber einig sind in dem Ziel: Sie gehen hinweg über das Einzelwesen und sein Lebensrecht; sie wollen eine staatliche Gemeinschaft aufbauen, in der der Mensch nur insoweit anerkannt wird, als es die Zweck© und der Nutzen der Gemeinschaft zulassen. Man sieht also: Zielbewußte Entwertung der Persönlichkeit, Allmacht der Gemeinschaft, Rückkehr zum mittel-* alterlichen Geist, aber nicht zu einem religiös gerichteten, sondern zu einem Geiste, der beherrscht wird von zwei weltlichen Gewalten: entweder von der proletarischen Masse oder von der Nation. Rußland und Italien liefern das geistige Rüstzeug, mit dem die Künder der öffentlichen Meinung in Deutschland ihren Kampf führen. Wir hören das Schlagwort vom „Kollektiv". Es bedeutet eine Vereinigung, eine Gemeinschaftsbildung, in der der Einzelne untergeht, der er mit allen Kräften dient, die ihn dafür aber stützt und trägt. Das Wort wird gebraucht mit einer Verr neigung vor dem russischen Kommunismus und hat sich eingebürgert überall da, wo der proletarische Klassenkampf einer bestimmten Gemeinschaft die Farbe gibt. Die Jugendbewegung hat sich jenes Schlagwort bereits bemächtigt, und eine Gesellschaft von Schauspielern, die Zeitstücke darstellt und für politische Forderungen wirbt, ist keine Truppe mehr, sondern ein Kollektiv, im^ dem der Einzelne mit seinem Namen untertaucht, ähnlich wie der Künstler des Mittelalters am Bau eines Münsters namenlos mitgeschaffen oder ungenannt ein Altarbild zur Vollendung des Gotteshauses beigesteuert hat. 414

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