Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1930)
- Article
- Zur Leben-Jesu-Forschung
- Date
- 1930-10-01
- Page
- 379 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Leben-Jesu-Forschung auf Donnerstag vorverlegt werden. Das aber sei die Situation damals gewesen. Darum habe man in jenem Jahr den Seder auf den Donnerstag Abend vorverlegt; an ihm war die Verhaftung, am nächsten Tag das Gericht und die Hinrichtung, und alles stimme nun. Klausners Ausfuhrungen haben nur den einen Fehler: wir haben nirgends ein Zeugnis, daß Hillels Entscheidung nicht anerkannt wurde, und nirgends auch nur eine leise Andeutung, daß es jemals in Frage kam, das Pessachlamm nicht am Freitag darzubringen. Trotz des ganzen gelehrten talmudischen Apparates, der aufgeboten ist, hängt die ganze Beweisführung hier völlig in der Luft und entbehrt der zwingenden Begründung. Gleich haltlos ist Klausners These über die Gerichtsverhandlung. Er geht zunächst von der Tatsache aus, daß das höchste Gericht sadduzäisch besetzt war. Dieser sadduzäische Adel, von Roms Gnaden lebend, war liebedienerisch gegen Rom, wollte jedem Verdacht einer Empörung ausweichen und erblickte außerdem in Jesu Auftreten im Tempel eine Bedrohung seiner Stellung. Das ist möglich und mehr als wahrscheinlich. Wenn er aber weiter ausführt, daß dem Synhedrion ein Recht und eine Pflicht der Voruntersuchung oblag, und daß, wenn auch das Gericht selbst Sache des römischen Statthalters war, diese Voruntersuchung von dem jüdischen Gericht geführt wurde, das, sadduzäisch eingestellt, zu einer Verurteilung kommen wollte, so muß man sagen: das ist einfach aus der Luft gegriffen. Daß es im ägyptischen Kolonialrecht zur römischen Zeit eine solche Voruntersuchung durch das heimische Gericht gegeben haben soll, kann nicht als ernsthafter Beweis gelten. Der Hinweis, daß das sadduzäische Gericht die pharisäischen Vorschriften zum Schutze des Angeklagten eben nicht anerkannte — nach ihnen wäre eine Verurteilung unmöglich gewesen — daß in der Voruntersuchung eben jene Vorschriften nicht statthatten, reicht nicht aus, um der These mehr Halt zu geben. Sie ist haltlos und hat nicht im mindesten das Gewicht einer wissenschaftlich erarbeiteten Feststellung. Nur angedeutet sei, daß gleich schwach der Versuch ist, den Verrat des Judas psychologisch zu erklären und den Bericht über den Verrat als glaubwürdig erscheinen zu lassen. Wenn nun aber so gewichtige Einzelheiten der Quellenbewertung zu bemängeln sind, man könnte noch andere nennen, was ist denn nun das Reizvolle an dem Buch, und was gibt ihm eine grundsätzliche Bedeutung? Die der Gesamtdarstellung folgende Wertung der Lehre Jesu und die Bestimmung 379 25*