Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1930)
- Article
- Zur Leben-Jesu-Forschung
- Date
- 1930-10-01
- Page
- 375 (sequence 3)
- Language
- German
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Zur Leben-Jesu-Forschung daß er die Glaubwürdigkeit der Evangelien als Niederschag einer gegründeten Überlieferung bejaht. Hier vollzieht sich ein entscheidender Schritt, und wiederum ist jetzt ein Grundsatzliches zu bemerken. Seit den Tagen der Aufklärung, von den ersten Bibelkritikern Voltairescher Prägung an, war es dem ganzen 19. Jahrhundert zu eigen, die Überlieferungen des Orients als Sage, Legende, anzusehen, aus orientalischer Geschichtsdarstellung, aus biblischer insbesondere, und nur das als glaubwürdig anzusehen, was durch gleichlautende Berichte aus anderen Literaturen verbürgt sei. Bis zum Beweis der durch andere Quellen verbürgten Richtigkeit hätte man jeder biblischen Überlieferung mit Skepsis zu begegnen. Als ob — das muß kritisch gesagt werden — dem nichtbiblischen Bericht die selbstverständliche Glaubwürdigkeit zu eigen wäre, die dem biblischen abgesprochen wird! Man bestritt überhaupt die Möglichkeit historisch-getreuer Berichte aus jenen Zeiten und jener Landschaft. Die Keilschriftforschung hatte diese These bereits stark erschüttert, jndem sie, abgesehen von dem Erweis bisher bezweifelter Tatsachen, die Möglichkeiten getreuer schriftlicher Darstellungen erwies. Und nun ist aus aller neugewonnenen Erfahrung bei Klausner in seiner Einstellung zu den Evangelien bereits der entgegengesetzte Schluß gereift: Bis zum Beweis des Gegenteils ist dem Bericht zu trauen, und man darf voraussetzen, daß ihm sichere Überlieferung zugrunde liegt. Man möchte wünschen, es stünden viele nichtchristliche Bibelforscher der Geschichtlichkeit des Alten Testaments mit solcher Ehrfurcht und solchem Vertrauen gegenüber, wie hier der jüdische Gelehrte dem Neuen Testament. Aber so sehr man diese Methode innerlich bejahen mag, sie hat ihre Lücken, und man darf sie nicht verschweigen. Kann man, darf man darauf verzichten, die einzelnen Berichte der Evangelien kritisch zu beleuchten, muß nicht der Versuch gemacht werden, in eine Untersuchung einzutreten, ob die Einzelheiten sich so abgespielt haben können, wie sie berichtet werden? Bei aller Ehrfurcht vor der Überlieferung im Ganzen: Auf diese Einzelprüfung wird man schwer verzichten dürfen. Klausner macht es sich doch wohl zu leicht, wenn er nur jene Dinge als unhistorisch gelten läßt, die ihm psychologisioh unmöglich erscheinen, und wenn er sich das Recht herausnimmt, die berichteten Tatsachen so zu gruppieren, wie sie sich seinem Bilde einfügen. Für die Erarbeitung eines eignen Entscheides ist es wichtig, die Leben- Jesu-Forschung in ihrem Hin und Her und ihren Ergebnissen zu kennen. Der Leser findet bei Klausner, neben einem Überblick über die zeitgenössi- 375