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Der Morgen · 1930-10-01 · Heft 4 (Oktober 1930) · p. 321

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Journal
Der Morgen
Volume
6 (1930-1931)
Issue
Heft 4 (Oktober 1930)
Article
Not, Hilfe und Fürsorge
Date
1930-10-01
Page
321 (sequence 7)
Language
German
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Not, Hilfe und Fürsorge Lob der Armut: Von der erzieherischen, beflügelnden Wirkung der Not. Ich nenne das den optimistischen cant der Not, angesichts der Tatsache, daß solche beflügelnde Wirkung sicherlich zu den größten Ausnahmen gehört. Nur jene Menschen werden vielleicht durch die Not beflügelt, die in Wahrheit, unabhängig von allen äußeren Verhältnissen, von innen heraus sich gestaltend^ auch durch günstige äußere Umstände nicht gelähmt werden würden. Alles spricht dagegen, eine solche beflügelnde Wirkung anzuerkennen. Die Not trifft den Menschen ungefähr so, wie eine schwere Hirnverletzung das Gehirn. Die Verletzung schädigt das Hirn gewissermaßen zweifach: i. materiell und lokal, 2. indem sie das Bewußtsein ausschaltet oder trübt und so die bei so schwerem Betroffensein doppelt notwendige Organisation der Abwehr unmöglich macht. Ganz ebenso trifft die Not Erst später, wenn auch die lokalen Erscheinungen schon zurücktraten, wird die allgemeine Abwehr des Hirns, das Eintreten ersetzender Funktionen möglich. Sie schädigt nicht nur durch die gewissermaßen lokalisierten Entbehrungen, sondern vielleicht noch mehr durch die allgemeine Niveauherabsetzung, von der wir oben sprachen, und die Abwehr pflegt erst in dem Maße stärker zu werden, wie die Not selbst zurücktritt. Dennoch ist es wahr, daß jeder, auch der einfachste Mensch, die Not metaphysisch erlebt. Ich denke hier nicht daran, daß es uns heute selbst-, verständlich geworden ist, alles individuelle Erleben und Erleiden soziologisch zu deuten, daß der Arbeitslose ein Ressentiment empfindet gegen „die" Reichen, daß sich alle Gegensätze unseres modernen Lebens gewissermaßen vor dem Hintergrund des Klassenbewußtseins abspielen, sondern es gibt auch eine echte metaphysische Deutung. Ein wahrhaft gewaltiges Bild davon hat Anatole France in der kleinen Novelle „Crainquebille" entworfen. Der alte Mann, nach einem Verfahren abgeurteilt, von dem er nichts versteht, im Gefängnis, wegen eines Vergehens!, das er nicht begangen hat, setzt sich auf den angeschmiedeten Stuhl und verharrt in stummem Staunen; „es war wie eine dunkle plötzliche Offenbarung, herrlich und schrecklich zugleich". Dann wurde Crainquebille nachdenklich, nach einer Weile meinte er: „Sonderbar, höchst sonderbar ist das, was mir passiert ist." Eben in diesen Tagen wird der Brief eines wegen Mordverdachtes offenbar zu Unrecht zum Tode verurteilten Knechts bekannt, eines einfachen primitiven Menschen, in dem folgende Worte vorkommen: „Jetzt wo man hinter Schloß und Riegel sitzt, kommt man zu Verstand, was das Menschenleben ist." 32t

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