Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 3 (August 1930)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1930-08-01
- Page
- 310 (sequence 3)
- Language
- German
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Anzeigen nehmbar. Die Äußerungen über Kafka sind teilweise wesentlich, besonders die in dem Gespräch zwischen Nowy und Erich Garta, Kafkas vermutlich fiktivem Bruder und Erben, gegen Schluß des Buches, wo Erich seines Bruders Bedeutung darin begrenzt sieht, daß er nie einen Zusammenhang zwischen Gott und Welt erreicht habe, höchstens einen ironischen. Brod scheint den Begriff der Ironie als entscheidend für die Erkenntnis von Kafkas Wesen und Grenze zu setzen. Dies hätte ausgeführt werden sollen. In dieser Andeutung ist das Positive dieser Ironie Mißdeutungen ausgesetzt. Dem Bereich stillster Anonymität entrissen, verkehren sie sich. Der Kritik ist dieser Bezirk des Roman» schließlich entzogen, weil man kein Recht fühlt, einen bedeutenden Lebenszusammenhang zu beurteilen, der durch die Kunst nicht verwandelt wurde. Als Verwandlung im strengsten Sinne — der hier gefordert wird! — kann die Verschiebung der Realität, die an vielen Stellen stattgefunden zu haben scheint, nicht angesehen werden, und wenn Goethe von den „Wahlverwandtschaften" sagt, daß jeder Zug darin erlebt, aber keiner so dargestellt sei, wie er erlebt war, hier ist es leider anders. Werner Kraft. Von jüdischen Bräuchen und jüdischem Gottesdienst. Von S. Müller. Verlag Boitze, Karlsruhe ia3o. 86 S. Preis Ml 2.—. Das neue Büchlein ist ein verdienstvoller und erfreulicher Versuch, in einer einfachen und schlichten Form den Sinn unserer jüdischen Bräuche und die Eigenart des jüdischen Gottesdienstes weiteren Kreisen zu übermitteln. Zeitwandlungen mit neuen Perspektiven zeitigen neue Rechtfertigungsversuche für geschichtlich bewährte Geisteswerte. In diesem Sinne verrät der Verfasser in seinem Büchlein einen zeitbewußten und jugendlichen Geist. Fern von starrem Dogmatismus und beseelt von einem freudigen religiösen Gestaltungswillen hat Müller aus der Fülle der Ritualien und Liturgien eine „Auslese zur freien Wahl" geboten. Nur einer Notwendigkeit beugt sich der Verfasser bei der Sichtung seines Stoffes: Das Daseinsrecht eines religiösen Brauches beruht auf seiner Sinnhaftigkeit und damit auf seiner Wahrhaftigkeit. Nach der Lektüre kann man sich dem Eindruck nicht verschließen, daß der Versuch gelungen ist, den elementaren Charakter unserer Symbolik zu erweisen und unsere Verbindlichkeit ihr gegenüber zu stärken. Denjenigen, für die unsere Bräuche einen selbstverständlichen Bestandteil ihrer Lebensführung bilden, kann die Lektüre dieses Werkchens eine Erneuerung und Festigung bedeuten. Für die xußerhalb dieses Lebenskreises stehenden Juden vermag es die Frage nach ihrer Umkehr und Rückkehr zu einer konzentrierten Lebensform nahezulegen. Als ein besonders liebevoller Begleiter wird sich aber das Buch der religiös zugänglichen Jugend erweisen, die dem sinnfällig Lebendigen besonders zugetan ist. So hat sich durch diese Schrift eine Lücke geschlossen. Der methodisch glückliche Aufbau in der Darstellung des Zusammenhangs der Bräuche im Laben der Familie mit den Formen des öffentlichen Gottesdienstes dürfte auch dem Religionslehrer manche wertvolle Anregung bieten. S. Billigheim er. Franz Rosenzweig: Jehuda Haie v i: Zweiundneunzig Hymnen und Gedichte, Deutsch, mit einem Nachwort und mit Anmerkungen. Berlin. Verlag Lambert Schneider. (Der urspr. 60 Hymnen u. Gedichte erweit. 2. Auflv Folio. 262 S. Preis: Leinen Ml i5.—; Leder Ml 3o.—. Jehuda Halevis fromme Dichtwerke sind der Ausdruck jenes Judentums des Mittelalters, dem die Fremde noch nicht Heimat geworden ist, für das Gott, Volk und Land eine Einheit bilden. In ungeheurer Gegenwartskraft erlebt man die klassische Heilsgeschichte der Bibel. Noch ist das Wort „Exil" die schrille Dissonanz. Darum baut die an der Vergangenheit entzündete Glaubensglut über die trübe Gegenwart als Interimszeit die Brücken zur goldenen Zukunft, da sein wird, was war. Klage, Hoffnung, Buße und Bitte münden in der Rechtfertigung Gottes. Zum Teil direkt zur Verwertung im Gottesdienst der Synagoge geschaffen, sind viele Gedichte Jehudas weithin jüdisches Gemeingut. Von christlich-wissenschaftlicher Seite sind Geschichte, Literatur und Frömmigkeit des mittelalterlichen Judentums äußerst wenig bedacht worden. Ein Mitarbeiter der Gießener Mischnaausgabe, Karl Albrecht, hat zusammen mit H. Brody unter dem Titel TtPH ^lJJTP bei Hinrichs 1905 eine wertvolle Auswahl 310