Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 3 (August 1930)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1930-08-01
- Page
- 309 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Anzeigen halb zu einer literarischen Technik, die zwar der Erzählung eine ungewöhnliche Spannung verbürgt, aber doch auch schließlich den* Mechanismus allzu stark in den Ohren klappern macht und seine eigene, innerste Notwendigkeit widerlegt. Die Personen des Romans sind in geheimnisvoller Weise auf den geistigen Lenker, der im Hintergrunde steht, auf Richard Garla bezogen, der schon vor Beginn der eigentlichen Handlung stirbt. Palästina bringt in das Leben des Helden, eines Prager Intellektuellen, nach seinen negativen Irrungen die positive Wendung. Dieser — Christof Nowy — ist mit Garta befreundet. Garta ist der absolut reine — d.h. im Geiste reine — Mensch, der Blutzeuge werden will, untergehen muß. Nowy will geistig sein Leben auf einem Kompromiß aufbauen, er will ein Minimum von Bösem in seine Existenz aufnehmen, um leben zu können. Dieses Verhältnis zum Bösen wird noch besonders beleuchtet durch das Verhältnis des Kunsthistorikers, der er von Beruf ist, zu Bernini, in dessen Leben und Werk er die gleiche Tendenz erkennt und darstellt. Aus diesem Kompromiß 'entspringt der negative Ausgang seiner Liebe zu Lena Frowein. Die Entwicklung dieses Verhältnisses wird mit einer im, einzelnen bedeutenden Kenntnis moralischer Phänomene im religiösen Sinne anstelle der üblichen leerlaufenden Psychologie gezeigt. Die zweite Handlung, die mit der ersten tief zusammenhängt, ist die eines Prozesses, in dem Nowy zu mehreren Jahren Zuchthaus verurteilt wird. Es handelt sich um einen Aufruhr, in dessen Verlauf mehrere Arbeiter von Gendarmen erschossen wurden. Die Anklage lautete auf Anstiftung. Nowy habe aus dem Direktorzimmer der Fabrik, wo er gerade im Interesse einer gütlichen Beilegung des Konflikts verhandelte, die Arbeiter aufgefordert, zu schießen. Der Zeuge, dem man glaubt, ist Gestertag. Der Gegenzeuge, der ihn entlasten könnte, ist unauffindbar. Gestertag, Garta und Nowy sind Jugendfreunde. Aus nicht deutlich erklärbaren Gründen versucht nun Gestertag, der Garta aufs tiefste verehrt, zwischen ihn und Nowy zu treten. Er wird als Wahrheitsfanatiker, als Polemiker, als brutaler „Vereinfacher" aller eigentlich moralischen Probleme gezeichnet. Nowy, der Gestertag für den Teufel selber hält, begreift nicht, warum dieser ihn vernichten will, denn eine relativ große Rechtlichkeit zu zweieflhaften Zielen kann er ihm nicht absprechen. Der Zwiespalt in seiner Seele ist um so stärker, als sich ihm in Gestertag der tote Garta repräsentiert. Die Handlung des Romans setzt ein mit Nowys Reise nach Ägypten und Palästina im Dienste seiner Rache; er sucht den Entlastungszeugen, um Gestertag des Meineids zu überführen. Aber im Verlauf einer komplizierten, an Überraschungen reichen Handlung ergibt sich, ohne daß der innere Sinn der falschen Deutung damit aufgehoben wäre, daß in Wahrheit Gestertag wirklich schuldlos ist, mindestens insofern er, als Vereinfacher", in gutem Glauben war. Nowy, dessen Weg zuletzt frei wäre, die Rache an Gestertag zu vollziehen, zerreißt das entscheidende Dokument und verläßt Palästina mit dem Entschluß, Gartas Schriften herauszugeben. Vieles mußte bei dieser groben Skizzierung des Inhalts unerwähnt bleiben. Manches ist künstlerisch mißlungen. Die Verknüpfung von Nowys Zustand mit Bernini streift an Kitsch. Die Erinnerung an den gräßlichen „großen" Schriftsteller Gustav Aschenbach in Thomas Manns „Tod in Venedig" steigt herauf. Die Gestalt des Gestertag wirkt abstrakt. Ihn sich leibhaft, abgesehen von seiner Funktion im Roman, in jener ironischen und negativen Beleuchtung vorzustellen, welche die positiven Lichter noch verstärken, ist nicht möglich. Sollle sein Typus auf Karl Kraus gehen — wie kann ein großer Mensch und Autor durch eine unexistente Karikatur getroffen werden, die von einer unlogischen Berufung auf Kierkegaard lebt? Erst mit Nowys Entschluß, Gartas Schriften herauszugeben, ist das entscheidende Problem gesetzt, das der geistig spannende Roman nicht gelöst hat und nicht hat lösen können, ja vielleicht nicht einmal wollen. Erst indem man das Buch an seinen eigenen Intentionen mißt, muß man es in einem tieferen Sinn als verfehlt bezeichnen. Die Einbeziehung Franz Kafkas in eine Romanhandlung läßt noch dann im Leser ein bitteres Gefühl zurück, wenn man erkennt, daß der entscheidende Antrieb Brods, dieses Buch zu schreiben, ein autobiographischer war. Hier liegt nicht gewöhnliche Indiskretion zugrunde, sondern es scheint sich so zu verhalten: Überall da, wo man das Gefühl hat, direkte Äußerungen Kafkas zu hören, sind sie nicht rein auf- 309