Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1930-08-01 · Heft 3 (August 1930) · p. 299

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
6 (1930-1931)
Issue
Heft 3 (August 1930)
Article
Zum Verständnis der "Bekenntnisse" des hl. Augustin
Date
1930-08-01
Page
299 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895491-2895495-2900788--04516-2900898
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Zum Verständnis der „Bekenntnisse" des hl. Augustin V. Die „Bekenntnisse" sind unzählige Male übersetzt worden; keine leichte Sache, selbst für den geübten Denker. Nicht, weil die Sprache Augustins im gewöhnlichen Sinne des Wortes schwierig ist, sondern weil sie in diesem Sinne leicht — man braucht kein Lexikon —, aber in einem höheren nahezu unmöglich ist. Die Sprache, die sich Augustin gebildet hat, ist in ihrem Ineinander von strenger Genauigkeit des Ausdrucks für den Gedanken, in ihrer leuchtenden Beredsamkeit so eigenartig und zugleich so echt lateinisch, daß keine Übersetzung ihr gerecht zu werden vermag, ganz abgesehen von den oft sehr tiefsinnigen Wortspielen. Augustin erst hat aus der lateinischen Sprache ein seelisches Instrument gemacht. Ihm war eigen eine „wunderbare Kunst, seelische "Vorgänge, auch die verborgensten und verwickeltsten, festzuhalten und zu analysieren und nicht minder, die für jene Zeit beispiellose Kunst, für das Empfundene und Wahrgenommene den sprachlichen Ausdruck zu finden." (Hertling.) In Augustin hat sich die "Vereinigung des semitischen und des abendländischen Geistes vollzogen. Als Erklärer der Bibel hat er seinen Hörern und Lesern den Sinn der ihnen unverständlichen Worte vermittelt. Er hatte eine hohe Bewunderung für das Alte Testament. Die „Bekenntnisse" beginnen mit dem Psalmverse: „Groß hist du, o Herr, und überaus lobwürdig; groß ist deine Stärke und unermeßlich deine Weisheit." Wenn wir einem Manne wie Augustinus nur mühsam in die weiten Gefilde seiner Gelehrsamkeit folgen können, so muß das nicht ihm, sondern unserem geringeren Können zugeschrieben werden. Wir würden seine Sprache besser verstehen, wenn wir seinen Gedanken leichter folgen könnten. Erwählte sich nicht umsonst den Adler, den Vogel des Äthers, zum Sinnbilde. „Das Buch der Bekenntnisse unter dem letzten Schimmer des römischen Reiches geschrieben, wird für immer Erstaunen bei allen erregen und als Kunstwerk des Geistes gelten. Es ist ein schönes Gedicht, eine schöne Geschichte, es ist eine schöne, gelehrte Abhandlung, alles in einem." (Ponjoulat.) Schließen wir mit den Worten eines neueren Übersetzers (Hefele): „Stellen von erschütternder Echtheit des Empfindens, von voller Reife des Gedankens wechseln mit solchen, bei denen die vollendete Schönheit der formalen Anlage Ausgang und Höhe ist, und mit zahllosen anderen, die bis zum Übermaß durchsetzt sind, mit geistreichen Wortspielen, mit halben und ganzen Anführungen, mit klanghaften Anspielungen auf biblische Werte und Worte. Zusammengehalten freilich ist das Ganze durch die hinreißende Glut der Sprache, durch den gewaltigen Rhythmus der Akzente, durch die belebte Wärme einer überfließend reichen, großen Seele... Trotz aller stofflichen und formalen Unausgeglichenheit bildet das ganze Werk eine Einheit vom ersten leidenschaftlich jubelnden Aufschrei bis zu der müden Sabbatstille des letzten Kapitels. Die Geschichte des Geistigen, des Geltenden in einer armen Einzelseele." 299 20*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.