Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1930-06-01 · Heft 2 (Juni 1930) · p. 214

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
6 (1930-1931)
Issue
Heft 2 (Juni 1930)
Article
[Rezension]
Date
1930-06-01
Page
214 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2895450-2895491-2895494-2900633--04415-2900770
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Anzeigen Jüdisch ist auch sein zartes Verhältnis zu Frau und Kindern. Wenn er nach allen dienstlichen Erledigungen noch in später Stunde seiner Frau antwortet, wird gesagt: „Anfangs scheute er sich, den Gedankenkreis, welcher mit dieser Seite seines Lebens verknüpft war, zu bewegen, aber nach und nach geriet er in Eifer. Sein Gesicht erglühte ... In den eng beschriebenen zwei Bogen stand gar manches Wort, von dem niemand vermutet hätte, daß es Levinsohn bekannt sei." Jüdisch ist ferner seine natürliche Mission als kultureller Städter in dem rückständigen Bauemland: „In der Überwindung der Kargheit und Armut dieses Landes lag der eigentliche Urzweck seines Daseins. Und Lewinsohn wäre ein anderer gewesen, lebte in ihm nicht jene gewaltige, mit keinem anderen Wunsch zu vergleichende Gier nach einem neuen, schönen, starken und guten Menschen." Und jüdisch ist schließlich, was ihm fehlt und wofür er die natürliche Ergänzung in dem russischen Bauern der Abteilung findet: Nach des Hirten Metelitza Tod fühlt Lewinsohn eine kleine Anwandlung von Schwäche, und es wird ihm bewußt, „wie angenehm es ihm gewesen war, .neben Metelitza zu reiten. Er hatte ihm durch die Kraft seiner Vitalität gefallen, die, ein ■ unversieglicher Quell, in ihm sprudelte und die Lewinsohn fehlte." An dieser Schwächeanwandlung ist charakteristischerweise auch irgendwie schuld, daß ein intellektueller Schwärmer unter den Partisanen Lewinsohn an seine eigene Vergangenheit erinnert. Sohn eines Trödlers, der sich vor Mäusen fürchtete und auf der Geige kratzte. „Der engbrüstige Judenknabe" hatte sich aus intellektueller Schwärmerei zur Erkenntnis der harten Wirklichkeit erst durchringen müssen. Aber die freudige Erkenntnis stärkt ihn: „Ich habe nicht nur manches gewollt, ich habe auch manches gekonnt — das ist der ganze Unterschied!" Symbolisch ist auch, daß Lewinsohn, wenn die Abteilung nach der furchtbaren Nacht im Sumpf wieder in einen Hinterhalt gerät, den heroischen Entschluß zum Durchbruch nicht aus sich faßt: „Er schaute sich hilflos um. . . Da sah er plötzlich sehr klar das knabenhafte Gesicht Baklanows brennend vorgebeugt in Erwartung eines Befehls. Lewinsohn fuhr zusammen. Schmerzlich süß erklang es in ihm. Plötzlich zog er den Säbel und beugte sich wie Baklanow mit glänzenden Augen vor: ,Durchbruch versuchen?' und schwang unerwartet den Degen über dem Kopf, daß er in der Sonne erglänzte." Wie im Mythos Anthäos von der Berührung mit der Mutter Erde, so bekommt hier der Führer erst Kraft von der Berührung mit seiner Mannschaft — der jüdische Führer mit seiner russischen Mannschaft. Dies ist ein Bild vom Juden als Führer wirkend unter Nichtjuden. gesehen aus neuem Geist, mit dem vorurteilslosen, reinen und scharfen Blick des neuen Menschen, gestaltet mit der Hellsicht und Unabhängigkeit eines wahren Dichters. Das in seinen Geschehnissen entsetzliche, blutige, brünstige, aber keusch und zukunftsgläubig geschriebene Buch ist ein Dokument — auch einer neuen Epoche der Emanzipation der Juden. Und ist vielleicht noch" in einem buchstäblicheren Sinne dokumentarisch: Ich entnehme einer Sammlung von Autobiographien (Moskau 1928), die auch sein freimütiges russisches Bauerngesicht im Bilde bringt, daß der junge Fadejew selbst Bauernsohn ist, an den Kämpfen in Oslsibirien teilgenommen hat — offenbar also eigne Erlebnisse in seinem Roman verdichtet. A. Suhl. Hans Driesch: Der Mensch und die Welt (aus der Sammlung: Metaphysik und Weltanschauung, herausgegeben von Driesch und Schingnitz), Leipzig, Emmanuel Reinicke. Der rastlose Leipziger Philosoph stellt unter neuem Gesichtswinkel und in besonderer Tendenz seine philosophische Lehre dar. Zum ersten Male unternimmt er den Versuch, ein wissenschaftliches Weltbild für den Gebildeten zu entwerfen. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, geht ex von der Weltbetrachtung des natürlichen, im erkenntnismäßigen Sinne naiven Menschen aus, führt ihn über die eigenen Zweifel zu den Grundlagen der Philosophie und erbaut auf dem Fundamente seiner eigenen Lehre ein zulässiges Bild der Welt. Driesch zentriert mit besonderer Energie das Wissen als entscheidendes Instrument und macht von der seiner Lehre eigenen Auffassung Gebrauch, daß Wissen ein Grundzug des Wirklichen (im metaphysischen Sinn) ist. So bekommt sein Bild einen stark rationalen Charakter, ohne daß die Grenzen des Rationalismus verkannt werden. Der Wert des Wissens wird in diesem Buch in umfassender Weise behandelt und dabei die parapsychologischen Er- 214

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.