Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1930)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1930-06-01
- Page
- 213 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895491-2895494-2900633--04414-2900769- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Anzeigen A. Fadejew: Die Neunzehn. Neuer Deutscher Verlag, Berlin. Es wäre zweifellos ein Dokument der vollendeten Judenemanzipation, der wirklichen Freiheit der Hirne und Herzen, wenn ein deutscher Dichter einen Juden führend unter Nicht juden darstellen könnte, der durchaus nicht von inneren und äußeren Widersprüchen geschüttelt wird, sondern so gut wie jeder andere Mensch sein Werk mit dem Blicx aufs Werk tut, wenn er es natürlich auch so tut wie eben ein Jude. Nun, wir besitzen ein solches Dokument wahrhafter Emanzipation, nicht in der deutschen Literatur, wohl aber in einem jüngst deutsch erschienenen russischen Roman von A. Fadejew „Die Neunzehn". Dies Buch gibt uns die Erlebnisse der Partisanenabteilung Lewinsohns in dem Bürger- und Interventionskrieg in Ostsibirien. Gleich auf der ersten Seite ist das „Problem des jüdischen Führers" angerührt. Jossef Abramowitsch Lewinsohn gibt einem einen unangenehmen Befehl. „Spitzbube", dachte die Ordonnanz gekränkt, „alle Juden sind Spitzbuben". Wie bewältigt nun Lewinsohn dies Problem? Indem er die Aufgabe des Führers überhaupt bewältigt. Die Situation ist einzigartig. Ohne jede militärische Ausbildung, sogar ohne schießen zu können, ist Lewinsohn als Befehlshaber zur Truppe geschickt worden. In der ersten Zeit muß er fast seine ganze seelische Kraft im Gefecht darauf verwenden, die Angst um das eigene Leben zu überwinden. Es heißt von ihm: „Er kannte viele der eigenen Schwächen, auch die anderer, und dachte, daß man die Menschen nur führen könne, wenn man sie auf ihre Schwächen hinweist, die eigenen aber unterdrückt." Und: „Niemand ahnte, daß er zaudern könnte, er präsentierte immer ein fertiges Ja oder Nein". Oder in einer angstvollen und unsichtigen Lage: ,„In seiner äußerlichen Haltung gab er förmlich kund, daß er ausgezeichnet wpisse, wozu dies alles geschehe und wohin es führe". Und wenn die Gefahr der Situation sich nicht mehr verbergen läßt, gibt Lewinsohn ein Beispiel: „Er war jetzt immer unter den Leuten . . . der einzige, der noch nicht das Lachen verlernt hatte". Und er muß führen, um des Zusammenhaltens willen, selbst wenn er nicht mehr wissen kann, wohin: „Er wählte diese Richtung, weil er der Abteilung irgendeine Richtung unbedingt geben mußte", heißt es auf der Flucht in den Wald. Sie geraten in den Sumpf: „Sie suchten einen Schuldigen an ihrem Unglück. Und selbstverständlich war dies Lewinsohn! Hätten sie ihn jetzt sehen können ... Da erschien ex plötzlich vor aller Augen .. . Nervös und scharf seine hohe heisere Stimme: ,Wer tritt aus der Reihe? Keine Panik I' und zog seine Pistole. .Abteilung, Achtung! Wir überdämmen den Sumpf!"* — Wieder hat er eine Richtung gegeben: einen Plan, eine Aufgabe! „Und die Masse, die eben noch bereit war, zu weinen oder zu töten, geriet plötzlich in eine unmenschlich rasche, gehorsame, eifrige Bewegung." Wir haben hier gleichzeitig ein Beispiel, wie Lewinsohn Meutereiversuche bewältigt: Er weiß sachlich zu packen! Prachtvoll überhaupt, wie er Menschen ohne ihr Wissen zu lenken versteht! An der letzt zitierten Stelle treibt ihn allerdings die Tragik' der außerordentlichen Lage, wider Willen eine „Kraft, die über der Abteilung stand", zu werden: ,Aber auch dazu war er bereit, überzeugt, daß seine Kraft eine gerechte sei." Für gewöhnlich aber hat Lewinsohn nur eine Funktion in der Abteilung: „Jedem erschien als seine vorzüglichste Eigenschaft gerade die, daß er die Abteilung kommandiere". Er erwirbt absolutes Vertrauen, weil er dem Mann alle Sorge abnimmt — aber sich auflädt („Wie hätte auch jemand denken können, daß er müde ist wie alle und schlafen willl") — sich auflädt auch im tieferen Sinne: „Lewinsohn war überzeugt, daß diese Menschen ein anderer Instinkt als bloß das Selbsterhaltungsgefühl treibe, sie aber, bedrängt von den Alltagsbedürfnissen ihre wichtigste Sorge Stärkeren anvertraut haben, indem sie diese verpflichteten, an diese Sorge mehr zu denken, als daran, daß auch sie essen und schlafen müssen." Das ist der Führer. Und er ist es als ein typischer Jude. Über sein Äußeres heißt es einmal: „Er sah aber so klein aus und fuchtelte so komisch mit dem mächtigen Mauser herum, daß es schwer fiel zu glauben, er sei die hauptsächliche, richtunggebende Kraft." Oder ein andermal: „Ein kleines Männchen in hohen Stulpenstiefeln mit langem, kegelförmigem, leidenschaftslosem Kupferbart, einem Gnomen aus Kindermärchen ähnlich, mit großen, schlauen, dunkelblauen, abwesenden Augen". 213