Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1930)
- Article
- Die geistige Bedeutung Walter Rathenaus
- Date
- 1930-06-01
- Page
- 111 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die geistige Bedeutung Walter Bathenaus Rathenau wollte die Gewalten der Seele wecken gegen die Gewalten der Dinge; das Menschliche gegen das Unmenschliche, die Humanitas, die reine Menschlichkeit gegen das Enge und Bornierte. Das Wort Rankes: „Niemand ist lediglich ein Bürger des Gemeinwesens, dem er angehört. Das Menschliche erhebt sich aus dem Nationalen und über dasselbe. Darauf beruht alle Religion, über dies aber auch alle Teilnahme an der Entwicklung des menschlichen Geschlechts" — dieses Wort des größten deutschen Historikers war Rathenau aus der Seele gesprochen. In ihm lebte jene echt deutsche Spannung zwischen dem Nationalen und dem Weltbürgerlichen, zwischen Volk und Menschheit, zwischen Einzelpersönlichkeit und Staat. Rathenau war konservativ im Geistigen, das heißt, bewahrend das Ewige, das nie altert Er war nicht konservativ im Sinne der Verewigung zeitlich bedingter und zeitlich überholter wirtschaftlicher und politischer Herrschaftsformen. Deshalb war er Demokrat, deshalb' war er Republikaner. In Rathenau sollte die Republik getroffen werden. Das ist wahr, aber nicht die ganze Wahrheit. In ihm sollte das deutsche Judentum getroffen werden. Das ist wahr, aber nicht die ganze Wahrheit Die ganze Wahrheit lautet: In Rathenau ist der deutsche Geist getroffen worden. Die Macht, die ihn vernichtete, war die Macht des Undeutschen, die Macht des Ungeistigen, die Macht des Rassenaberglaubens und Rassenhasses. Walter Rathenau, der wie kein anderer den Materialismus, die Seelenlosigkeit erkannt und beschrieben hat, er ward ein Opfer dieser selben Mächte. Zum Schlüsse möge der Tote noch einmal zu uns sprechen: „Schließen wir uns im guten Willen zusammen, so wird in gemeinsamem Schauen das Trügerische zerrinnen, das Rechte sich verklären: Bedingung ist, daß der Fuß nie den Boden verliere — das Auge nie die Gestirne." att