Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1930-06-01 · Heft 2 (Juni 1930) · p. 107

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
6 (1930-1931)
Issue
Heft 2 (Juni 1930)
Article
Die geistige Bedeutung Walter Rathenaus
Date
1930-06-01
Page
107 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895491-2895494-2900619--04289-2900663
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Die geistige Bedeutung Walter Rathenaus Von Julius Golcbtein Am 25. Juni ist es ein Jahr, daß Julius Goldstein entschlief. Ihm zum Gedenken veröffentlichen wir die Ansprache, die er nach der Ermordung Walter Rathenaus bei einer Kundgebung in Darmstadt gehalten hat. Die Schriftleitung. Jeder Mensch ist seinem Wesen nach einzigartig und doch gleichzeitig einem Typus zugehörig. Wenn ich versuche festzustellen, welchem Typus Walter Rathenau zuzuordnen ist, so finde ich ihn in Deutschland bisher nicht. Rathenau war Industrieller und gleichzeitig Schriftsteller — Politiker und gleichzeitig Philosoph, Weltmann und Ethiker. Rathenau ist ein Deutscher. In der Schrift „An Deutschlands Jugend" aus dem Juli 1918 stehen die Worte: „Ich bin ein Deutscher jüdischen Stammes, mein Volk ist das deutsche Volk, meine Heimat ist das deutsche Land, mein Glaube der deutsche Glaube, der über den Bekenntnissen steht" — Was ist das Deutsche an ihm? Um es mit ein paar Stichworten anzudeuten: Das metaphysische Bedürfnis, der Sinn für das Prinzipielle, die Verbindung von Weltfreudigkeit und frommer Ergriffenheit gegenüber dem Weltgeheimnis — die Ehrfurcht. Goethe war in ihm lebendig, Goethe, der weltfrohe und der gläubige Mensch. Spricht man von deutschem Geiste, so ist dies sein Wesenszug: Der Sinnenwelt hingegeben, und doch in Ehrfurcht sich beugend vor des Daseins Rätseln — faustisch mit ihnen ringend und doch den Frieden des Glaubens im Herzen tragend. Solcher Art war Walter Rathenau. Man hat ihn einen Idealisten unter den Industriellen genannt. Das Wort kann wenig und viel besagen. Es besagt wenig, wenn es Entschuldigung für unbedachte Torheiten ausdrücken soll, wenn 107

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.