Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Jüdische Bauernfrömmigkeit in Palästina
- Date
- 1930-04-01
- Page
- 40 (sequence 5)
- Language
- German
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Ernst Simon darbringung vor dem Erscheinen des Messias weckte, und daß ihre praktischen Vorschlage, die durchaus auch den Ackerbau stark in den Vordergrund stellten und zum Teil sogar religiös motivierten, ein viel geringeres Echo fanden. Anders steht es wieder mit dem chassidischen Judentum, das man vielleicht mit Recht die religiöse Rebellion des Am Ha^rez nennen könnte. Es ist dafür gleichgültig, ob sein Gründer, der Baal Schern Tow ein großer Thoragelehrter war oder nicht. Seine historische Rezeption durch die jüdischen Massen, auf die es hier allein ankommt, war von seiner Thoragelehrsamkeit unabhängig. Seit langer Zeit erstand den Juden, zum mindesten in einer bestimmten Landschaft, wiederum ein Führer, der ihm nicht in seiner Eigenschaft als Thoragelehrter, sondern um unmittelbar quellender, von keinem Buch geformter, geläuterter und gehemmter Religiosität willen Führer war. Die Haltung der direkten Aussage und der unmittelbaren Tat, der neuen Stellung zu Gott, Mensch und Natur wandte sich nicht zufällig in erster Linie an den jüdischen Landbewohner (wenn auch nur selten: Bauern) des südlichen Rußlands und der Ukraine; sie drang erst spät und allmählich, wenn auch dann zu neuer, höchster Vollkommenheit ausreifend, in das gelehrtere und städtischere Litauen vor, wo sich in der Gestalt des Rabbi Schneur Salman von Ladi chassidisches und talmudisches Judentum zusammenfanden. Die Vorstellungen, die sich, ob nun historisch mit Recht oder Unrecht, an das frühchristliche Galiläa im Gegensatz zum rabbinischen Judäa heften, lassen sich mit einer gewissen Vorsicht vielleicht auch auf jene Beziehung zwischen dem chassidischen Südrußland und dem „widerstehenden" Litauen der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts übertragen. Dem entspricht es denn auch, daß die chassidische Bewegung einige Dokumente aufweist, die nicht nur die Rückkehr nach Palästina, sondern die religiös begründete Rückkehr zur landwirtschaftlichen Tätigkeit, zu einem auf körperliche Arbeit gegründeten, freudigen Gemeinschaftsleben fordern. In der Wirklichkeit freilich wurde die im neunzehnten Jahrhundert allmählich wieder stärker einsetzende Besiedlung Palästinas nur in ganz geringem Ausmaße aus chassidischen Quellen gespeist. Gerade die Schüler und Enkelschüler des heftigsten Gegners des Chassidismus, des Gaons Elia von Wilna, legten den Grundstock des heute sogenannten „alten Jischuw", vor allem in den „vier Ländern" Jerusalem, Safed, Tiberias und Hebron, eine Tatsache, die noch jetzt sich in manchen Abweichungen des palästinensischen Ritus auswirkt, z. B. in der Stellung des Taugebetes am Pessachfeste, welche Erez 40