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Der Morgen · 1930-04-01 · Heft 1 (April 1930) · p. 38

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Journal
Der Morgen
Volume
6 (1930-1931)
Issue
Heft 1 (April 1930)
Article
Jüdische Bauernfrömmigkeit in Palästina
Date
1930-04-01
Page
38 (sequence 3)
Language
German
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Ernst Simon als habe seine Abneigung gegen die Stoffmasse des Lernens und die Menge der Gesetze nicht in echter religiöser Rebellion, sondern in geistiger Beschränktheit und ökonomischer Sparsamkeit ihren Ursprung. Ganz anders scheint es hingegen mit der kleinen Sekte 4er Essäer gestanden zu haben, von der wir allerdings nur aus Philo und Josephus Kunde haben. Ihr Name, der wohl vom aramäischen chasaija gleich hebräisch chassid, fromm, abzuleiten ist1), spricht dafür, daß sie als legitime Abkommen jener vormakkabäischen Chassidim und demnach als orthodoxe Juden zu gelten haben, als die sie auch Philons wohlwollende Darstellung behandelt. Leider wissen wir wenig über die soziologische Struktur dieses Mönchsordens, doch scheint, nach einer Stelle bei Philon, die freilich durch eine andere eingeschränkt wird2), ihr religiöser Gememschaftskommunismus aus den Städten in die Dörfer gedrängt zu haben. Dürfte dies als gesichert gelten, so hätten wir in den Essäern zwar auch keine ursprüngliche Bauernfrömmigkeit vor uns, aber eine religiössoziale Bestrebung zur Wandlung des menschlichen Miteinanderlebens, die nur dadurch oder doch auch dadurch zum Ziele zu kommen glaubte, daß sie aus Städtern Bauern oder doch auf dem Lande lebende Menschen machte. Dies wird uns für die Beurteilung der heutigen palästinensischen Situation noch wichtig werden. Nach der Zerstörung des Tempels, als das Zentrum des jüdischen Volkes allmählich immer mehr nach Babylonien herüberrückte, waren die Juden auch vielfach Bauern. Nach den talmudischen Notizen zeichneten sie sich aber z. B. dadurch aus, daß sie tags die Felder der Talmudlehrer bestellten, um sich nachts von ihnen unterrichten zu lassen. Man machte sich gelegentlich Gedanken, was mit dem Thorastudium geschehen werde, wenn jedermann „pflüge in der Zeit des Pflügens, säe in der Zeit des Säens, ernte in der Zeit des Erntens, dresche in der Zeit des Dreschens und worfele, wenn es Wind gibt". Und wir finden eine Mahnung Rawas an die Rabbinen (seine Schüler), „sich nicht im Erntemonat Nissan und im Saatmonat Tischri vor ihm blicken zu lassen, damit sie nicht das ganze Jahr hindurch von Nahrungssorgen belastet seien". Fassen wir das Ergebnis dieses kurzen geschichtlichen Rückblickes zusammen, so ergibt sich, daß die altpalästinensische Bauernreligion vor- oder *) Siehe Eduard Meyer, Ursprung und Anfänge des Christentums.. II, S. 3g3 f., Anm. 2, und Wilhelm Bousset — Hugo Greßmann, Die Religion des Judentums im späthellenistLschen Zeitalter, 3. Aufl., Tübingen 1926, S.457. 2) Vergl. ebenda, S. 457. Anm. 3. 38

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