Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1930-04-01 · Heft 1 (April 1930) · p. 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
6 (1930-1931)
Issue
Heft 1 (April 1930)
Article
Gedanken über das Pessach-Fest
Date
1930-04-01
Page
4 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2895450-2895491-2895493-2900464--04156-2900509
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Raimund Eberhard Was war dir, du Meer, daß du flohest? und du Jordan, daß du dich zurück wandtest? Ihr Berge, daß ihr hüpftet wie die Lämmer? ihr Hügel, wie die jungen Schafe? Vor dem Herrn erzittere, Erde, vor dem Gott Jakobs, Der den Fels wandelte in Wassersee, den Stein in Wasserbrunnen." Und in den Psalmen 78, 10 5, 106 wird der Wundertaten des Ewigen, der sein Volk aus Ägypten geführt, als Hinweis göttlicher Treue gegx.ii das ungehorsame Volk immer wieder mahnend ausführlich gedacht Und wiederum klagen die Propheten und klagt vor allem Micha (6, 3 f.) über das abtrünnige Volk, das seines Gottes und dessen Heilstaten an ihm vergessen hat: „Was habe ich dir getan, mein Volk, und womit habe ich dich ermüdet? Das sage mir! Habe ich dich doch aus Ägypten geführet und aus dem Frondiensthause erlöst----" Und so an zahlreichen Stellen des Alten Testaments, immer wieder, und sogar im Neuen Testament wird darauf zurückgegriffen, wie es denn Apostelgeschichte i3, 17 in der Predigt des Paulus heißt: „Der Gott dieses Volks hat erwählet unsere Väter, und erhöhet das Volk, da sie Fremdlinge waren im Lande Ägypten, und mit einem hohen Arm führte er sie aus demselbigen". (Vergl. auch Brief an die Ebräer 8, 9.) So steht in der kultischen Feier des Pessachfestes die Befreiung des Volkes Israel durchaus im Mittelpunkt, wie auch die Feier dieses Festes, des Festes der „ungesäuerten Brote", 2. B. M. 12, 17 anbefohlen wird mit der Motivierung: „Denn an eben diesem Tage habe ich eure Scharen geführt aus dem Lande Ägypten". Auch die uralte Pessach-Haggadah, die am Vorabend des Pessachfestes im jüdischen Familienkreise verlesen wird, weist rückerinnernd nachdrücklichst auf dieses nun schon gegen 3 000 Jahre zurückliegende Ereignis hin, wie es von zahlreichen Wundertaten Gottes umrahmt im zweiten Buch Mosis überliefert ist. Welche Bedeutung hat diese einmalige geschichtliche Tatsache, die einst in dämmergrauen Zeiten geschehen ist, und von der uns nur eine dunkle, mystisch übermalte Überlieferung erhalten ist, für die heutige Zeit mit ihren so ganz anderen Verhältnissen, Bedingungen, ihrem so ganz anderen kulturellen Niveau? Ist diese Bedeutung wirklich derart, daß das Pessachfest neben dem großen Versöhnungsfest immer noch das Hauptfest der Juden zu bleiben vermag? Und was hat es gar für einen Sinn, daß in christlichen Schulen im Religionsunterricht immer noch des Auszugs der Kinder Israel aus Ägypten als einer der Heilstaten Gottes gedacht wird? Was geht uns Christen diese alte Ge- 4

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.